Der Dreißigjährige Krieg in Einbeck und Umgebung

von Wolfgang Kampa

1618 setzte ein Komet die Menschen in Deutschland in Angst und Schrecken: »weiln er schnell fortgelauffen, bedeutete er solche Kriege, die von frembden und außländischen Feinden entstehen.«

Als zur etwa gleichen Zeit eine neue Kirchenordnung für die Fürstentümer Grubenhagen und Lüneburg erlassen wurde, kam es zum Konflikt über die geistlichen Hoheitsrechte in Einbeck.

Aufgrund der immer größer werdenden Konflikte im Streit um katholischen und evangelischen Ritus konnte selbst eine Klage beim Reichskammergericht in Speyer keine Einigung herbeiführen.

Gleichzeitig verfolgte der katholische Kaiser Matthias im damaligen Böhmen eine katholikenfreundliche Politik um die Stellung des Habsburger Hauses auszubauen, in dem er viele Zugeständnisse seines Vorgängers an die protestantischen Stände wieder rückgängig machte.

Kurz darauf warfen aufgebrachte protestantische Adelige den katholischen Statthalter des Kaisers und zwei seiner Mitarbeiter aus einem Fenster der Prager Burg. Sie hatten Glück im Unglück und überlebten den Sturz aus 20 Metern Höhe, weil sie auf einen Misthaufen fielen. Solche Fensterstürze waren im Mittelalter nicht unüblich und stellte, wie das Werfen des Fehdehandschuhs den Beginn eines bewaffneten Konfliktes dar.

Dieser so genannte zweite Prager Fenstersturz wurde zum Auslöser für den Aufstand der böhmischen Protestanten gegen die katholischen Habsburger und weitete sich zu einem Krieg aus, welcher in den folgenden 30 Jahren weite Gebiete in Deutschland durch Krieg, Hunger und Seuchen und den darauf folgenden allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang verwüstet und entvölkerte.

Auch die Stadt Einbeck sollte davon nicht verschont bleiben und wurde zwei Mal schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Der tolle Christian kämpft gegen Tilly

Hundert Jahre, nachdem Martin Luther die Reformation eingeleitet hatte, war die Bevölkerung in Deutschland und den umliegenden Ländern im Streit um katholischen und evangelischen Ritus in zwei große Lager gespalten. Keine Partei wollte nachgeben und alle Verhandlungen waren gescheitert. Es kam zum bewaffneten Konflikt, der in den 30-jährigen Krieg mündete und auch die Stadt Einbeck nicht verschonen sollte.

Im Mai 1608 wurde in der Benediktinerabtei Aahausen von protestantischen Fürsten die »Union« gegründet, welcher nach und nach auch viele evangelische Städte beitraten. Allerdings entwickelte die »Union« nicht die gewünschte politische Durchsetzungskraft. Nach dem Geschichtsschreiber Harland herrschten unter den Mitgliedern der Union »Mangel an Vertrauen, Neid und Eifersucht«.

Als Gegengewicht formierte sich 1609 in München die katholische »Liga«, deren Mitglieder sich von Anfang an einig waren, dass der Religionskonflikt nur durch Waffengewalt zu lösen war. Als einer der Gründer der »Union«, Friedrich von der Pfalz, zum König von Böhmen gewählt wurde, focht der katholische Kaiser Ferdinand II. die Wahl an.

So begann mit der Schlacht am weißen Berge, in der die Protestanten vernichtend geschlagen wurden, im für Einbeck weit entfernten Böhmen der 30-jährige Krieg. Nach dieser Niederlage herrschte Ratlosigkeit in der Union, zudem verfügte der Kaiser mit den Generälen Tilly und Pappenheim und deren Soldaten über eine äußerst schlagkräftige Armee.

Doch schon kurz darauf nahm Herzog Christian von Wolfenbüttel im Namen der Union den Kampf gegen Kaiser Ferdinand II. und die katholische Liga wieder auf. In ganz Niedersachsen und auch in Einbeck »pflanzte er die Werbefahne auf«, so dass im November 1621 »12.000 Mann Fußvolk und 13 Cornet Reuter« als erste große Truppenbewegung des 30 jährigen Krieges auf ihrem Weg durch das Herzogtum Grubenhagen an Einbeck vorüber zogen.

Nachdem Christians Heer Ende Januar Paderborn einnahm, hatte die Stadt sehr unter der Besatzung zu leiden. Unter anderem ließ er die silbernen Apostelfiguren aus der Kirche einschmelzen und daraus Münzen schlagen, auf denen sein Wahlspruch stand: »Gottes Freund, der Pfaffen Feind«. Als Herzog Christian in der Schlacht von Fleurus eine Hand verlor, sagte er »Verlier´ ich gleich Arm und Bein will ich doch der Pfaffen Feind sein.«

Um den »Pfaffenfeind und Gottesfreund« in seine Schranken zu weisen, näherte sich General Johann Tserclaes Tilly im Juli 1623 Niedersachsen. Die niedersächsischen Stände rieten Christian dazu »die Waffen niederzulegen und zum Gehorsam gegen den Kaiser zurückzukehren«. Empört wies Christian dieses Ansinnen zurück, zog allerdings mit seinem Heer Richtung Holland. Als die Nachricht vom Abmarsch Christians das Hauptquartier Tillys im Eichsfeld erreichte, wandte sich dieser sogleich über Göttingen und Uslar der Weser zu und verbreitete auf seinem Weg dorthin Angst und Schrecken. Fast alle Dörfer auf der Route seines Heeres wurden geplündert und in Brand gesteckt, die Einwohner wurden fortgejagt. Danach schlug Tilly das Heer Christians, 8000 Soldaten Christians fanden dabei den Tod.

Mit dieser vernichtenden Niederlage glaubte man, der Krieg in Niedersachsen sei beendet. Sein Nachfolger Herzog Georg sah sich der Liga nicht gewachsen und nahm mit Tilly Verhandlungen auf.

Im Juli 1625 allerdings kam König Christian IV von Dänemark der Union zu Hilfe und landete mit über 30000 Soldaten in Hameln. Das Herzogtum Grubenhagen und damit auch das Einbecker Gebiet blieben weitgehend unbehelligt, da sich Herzog Christian und sein Bruder Georg für neutral erklärt hatten.

Am 19. Juli stieß Tilly über die Weser und plünderte Uslar, Dassel Moringen, Stadtoldendorf und Markoldendorf. Hilwartshausen ging in Flammen auf.

Harland schreibt davon, dass »größte Schandtaten« verübt wurden: »die Einwohner verloren all ihr Geld, Kleidung, Vieh, Vorräte und Hausgeräte… auch übel mit den Leuten, so angetroffen worden, tirannisiert, deren etzliche jämmerlich, auch in der Kirche, ermordet …in den Häusern, die stehen geblieben sind, Thüren und Bänke und alles Eigenthum zerschlagen, Ständer und Balken also zugerichtet, dass sie mit großen Kosten nicht reparirt werden können...«

Nach elf Tagen Aufenthalt wälzte sich Tillys Heer über Bodenwerder und Minden nach Westen. »Und das beste Dorf im Amte Erichsburg belegen, Holtensen genannt, in Grund abgebrannt«.

In der Osterwoche kehrte Tilly zurück ins Amt Erichsburg. Sechs Tage lagerte er im Gebiet zwischen Ellensen und Relliehausen und seine Soldaten nahmen der Bevölkerung in dieser Zeit alles an Vorräten, was sie bisher noch verbergen konnte: »Die Leute…welche sie angetroffen, erschossen und zermetschet«. Die Dörfer Ellensen, Eilensen, Krimmensen und Oldendorf wurden vollständig abgebrannt, »im Flecken neben der Kirche verbrannten 45 Häuser«, in Hullersen drei Häuser.

Einbeck selbst blieb von diesem Kriegszug unbeschadet. Die Stadt wurde Zufluchtsstätte für viele unglückliche Landbewohner, denen vielfach nur das geblieben war, was sie am Leibe trugen.

Einbeck wird zur Flüchtlingsstadt

Durchziehende Heere plündern die Umgebung /Pest forderte 3000 Todesopfer in Einbeck. Nachdem sich das Herzogtum Grubenhagen zu Anfang des 30-jährigen Krieges für neutral erklärt hatte, blieb es zunächst von Kampfhandlungen verschont. Das kaiserliche Heer des General Tilly zog an Einbeck vorbei, richtete aber in der Umgebung verheerende Schäden an.

Als im September 1625 das Heer der Katholischen Liga unter dem kaiserlichen General Wallenstein in der Einbecker Umgebung lag, zog Marquard von Hohenberg, der lüneburgische Statthalter von Grubenhagen dem Generalissimus entgegen und bat um eine Unterredung. Hohenberg berief sich auf die Neutralität der lüneburgischen Herzöge und bat deswegen um Schonung des Fürstentums.

Wallenstein willigte ein, trotzdem kam es zu schweren Plünderungen durch die kaiserlichen Truppen bei Salzderhelden und Rotenkirchen. Als sich Marquard von Hohenstein daraufhin bei General Wallenstein beschwerte, ließ dieser die schlimmsten Marodeure ausfindig machen und festnehmen. Fünfzehn von ihnen wurden daraufhin zum Tode verurteilt und auf der Hube gehenkt.

Bereits Ende Juli 1625 waren die protestantischen Soldaten unter König Christian von Dänemark durch die Gegend gezogen und verwüsteten dabei viele Gärten und Felder in der Stadtmark. Beim Herannahen des Heeres blieb den Einbeckern nichts anderes übrig, als die noch unreifen Früchte aus ihren Gärten zu pflücken, um wenigstens einen Teil ihrer Ernte zu retten.

Besonders schlimm wütete eine auf der Erichsburg stationierte Kompagnie dänischer Reiter.

Durch die Übergriffe von beiden Armeen wurden in den Dörfern viele Kirchen zerstört, so dass teilweise kein Gottesdienst stattfand, weil die Prediger und Lehrer getötet oder geflohen waren. »Die Soldateska verfuhr so empörend, dass sie den Leuten selbst die Schuhe von den Füßen riss, manche von Kleidung sogar entblößte.« Als sich der Amtmann Veit Lüdemann beim Befehlshaber beschwerte, antwortete dieser: »Der Soldat muß fressen und das Land muß geben.«

Ostern 1626 zog das Heer von König Christian Richtung Northeim. Der König war verärgert, weil Grubenhagen immer noch neutral war und setzte aus diesem Grund einige grubenhagensche Dörfer bei Northeim in Brand.

Einbeck war bis dahin von den kaiserlichen Truppen immer noch unbehelligt geblieben, die Bürger litten aber unter einem hohen Steueraufkommen und an Überbevölkerung.

Da sich zu dieser Zeit mehrere Heere der kaiserlichen und protestantischen Parteien in der Einbecker Gegend bewegten, kam die Landbevölkerung nicht zur Ruhe. Immer wieder wurden Dörfer überfallen, geplündert und verwüstet. Vor allem die Solling-Ortschaften wurden immer wieder heimgesucht, so dass in Einbeck immer mehr Flüchtlinge ankamen, unter anderem aus Moringen, Dassel und Stadtoldendorf.

Die Stadt wimmelte von Menschen, die durch den Krieg entwurzelt wurden. Mindestens 1500 Flüchtlinge fanden in der Stadt Zuflucht, doch damit fing das Unheil erst an.

Im Sommer 1625 brach in Einbeck die Pest aus.

Eine Niederschrift vom 24. 4. 1626 erwähnt, dass »seit Jacobi vorigen Jahres bis jetzt alhie in Einbeck an der Pest … über die 3.000 Personen mit Gesang und Klang, begraben, auch viele, vornehmlich von dem Bauernvolk, so herein geflohen, heimlich hinausgebracht und in die Erde gescharrt worden…«

Weil die Einbecker Friedhöfe für die große Anzahl der Verstorbenen zu klein war, wurden »die Landleute meistens nur beigescharrt. Noch jetzt bezeichnet man die Grabstätte dieser Unglücklichen mit dem Namen Pestweg. »Der Pestweg liegt vor dem Benserthore, nahe bei dem Kirchhofe. Man betritt denselben, wenn man auf dem Wege nach Odagsen bei der Bleich über die Brücke geht.«

Im August 1626 fanden die Konflikte mit der Schlacht bei Lutter am Barenberge ihren vorläufigen Höhepunkt. »4.000 Dänen wurden getötet und 3.000 gefangen genommen. Der König selbst musste sich in Begleitung von nur zwei Dienern durch eine Schaar feindlicher Reiter durchschlagen, um nach Wolfenbüttel zu entkommen.«

Daraufhin sagten sich die meisten Fürsten des niedersächsischen Kreises vom Bündnis mit den Dänen los und Tilly hatte im norddeutschen Raum freie Hand. Einbeck musste wie bisher Steuern an die lüneburgischen Herzöge zahlen und zusätzlich zur Versorgung des kaiserlichen Heeres beitragen. Dafür nahm die Tilly die Stadt in Schutz.

Dennoch sollten die folgenden Jahre für Einbeck noch viel mehr Leid und Schrecken bringen.

Schießwütige Einbecker erzürnen Pappenheim

Mit der Schlacht bei Lutter am Barenberge im Jahre 1626 erreichte der 30-jährige Krieg in Norddeutschland einen vorläufigen Höhepunkt. Die Protestanten erlitten eine Niederlage, die zur Besetzung des niedersächsischen Raumes durch die kaiserlichen Truppen der katholischen Liga führte.

Die Stadt Einbeck musste nun neben den bisherigen Abgaben bedeutende Geldzahlungen und große Lebensmittel-Lieferungen an die kaiserliche Armee entrichten.

am 6.3.1629 erließ Kaiser Ferdinand II. ein Edikt, das so genannte Restitutionsedikt, durch das die Rekatholisierung aller nach 1552 säkularisierten oder an die Protestanten übergegangenen Kirchengüter angeordnet wurde, d. h. alle von der protestantischen Partei eingezogenen Stifte und Güter sollten wieder an ihre ursprünglichen Besitzer zurück gegeben werden. Die Durchführung sollte ausschließlich kaiserlichen Kommissaren vorbehalten sein.

Die Stiftsherren von St. Alexandri befürchteten, von den Katholiken vertrieben zu werden und wandten sich 1630 an die Regierung:

»Dieweil wir uns die Gedanken nicht machen, dass die kaiserliche Majestät wider deroselben vielfältige kaiserliche Edict, Rescript, Ordinanz und Resolutionen solches Eures Ortes verhängen oder gestatten und geschehen lassen sollte, als lassen wir es nochmals bei voriger dieserwegen Euch zugeschickten von Reverendissimo unsers gnädigen Fürsten und Herren selbst gnädigen gemachten auch beliebten Ordinanz, darnach Ihr Euch zu richten und diejenigen, so sich diesesfalls über alles verhoffen ein oder anders unterstehen möchten, schlechterdings ab und an Revendissimum Illustrissimum hochgedacht gen Zelle oder aber an uns anherro remmittieren und verweisen und Euch mit ihnen weiter nicht einzulassen habt. So wir Euch zu nochmaliger Nachrichtung hinwieder vermelden wollen, und bleiben Euch zu freundlicher Willfahrung geneigt.

Osterode am 19. Juni 1630, Fürstl. Braunsch. Und Lüneburg, Landdrost und Räthe daselbst Heinrich von Dannenberg, Johann Hundt Dr. «

Erst auf dem Reichstag zu Regensburg im Jahre 1630 beschwerten sich die protestantischen Fürsten massiv über das anmaßende Verhalten der kaiserlichen Generäle, insbesondere General Wallensteins in den protestantischen Ländern. Kaiser Ferdinand II. entließ daraufhin General Wallenstein, reduzierte sein Heer auf 39.000 Mann und übertrug das Kommando an General Tilly.

Im gleichen Jahr kam der schwedische König Adolf den Protestanten mit seiner Armee zu Hilfe und konnte in der Schlacht bei Breitenfeld einen Sieg über den bisher unbesiegten General Tilly erringen.

Der Sieg von Breitenfeld gab den Protestanten in ganz Deutschland Auftrieb. Herzog Christian von Celle und sein Bruder Georg gaben ihre bisherige Neutralität auf. Sie wollten die Willkürpolitik des Kaisers und der »legistischen« Fürsten nicht länger hinnehmen und wandten sich nicht zuletzt, weil Tilly vom Kaiser mit dem Fürstentum Calenberg belehnt wurde, öffentlich gegen Kaiser und Liga.

Am 28. Oktober 1631 riet man dem Einbecker Bürgermeister Heinrich Koch und dem Riedemeister Julius Jäger in Osterode, zur Verteidigung der Stadt eine eigene kleine Reiterarmee aufzustellen. Sollte dies nicht möglich sein, eine »Compagnie zu Fuß und etwa 30-40 Pferde«, was die Ratsversammlung am 2.11. beschloss.

Als Koch und Jäger gemeinsam mit Hauptmann Hans Schwarzkopf nach Osterode

Resiten, um wegen der zu errichtenden Kompanie weiter zu verhandeln, wurde ihnen von den Gesandten des Herzogs beschieden, statt einer nunmehr zwei Kompanien zu bilden und auf Kosten der Landschaft zu unterhalten. Man einigte sich auf die Errichtung einer Kompanie und bewilligte dafür monatlich 2.000 Pfund.

Der Einbecker Stadtrat war gegen die Einrichtung einer Kompanie in der Stadt, weil er dadurch Einbecks Unabhängigkeit gefährdet sah und schlug die Bildung einer eigenen vor, in der Hoffnung, dadurch von weiteren Kontributionen verschont zu bleiben. Wiederum machten sich Bürgermeister Koch und sein Riedemeister auf den Weg, diesmal in Begleitung vom Kaufmeister Jobst Ernst nach Celle.

Marschall von Städing und Kanzler Werkelbach beschieden ihnen, dass die verlangte Kompanie nicht nur dem Schutz der Stadt, sondern auch der Ämter und Abwendung von Konflikten.

Der Einbecker rat lehnte daraufhin abermals eine Einquartierung ab.

Koch, Jäger und Ernst reisten mit diesem Beschluss nach Osterode und wurden, nachdem sie dort auf diesem Beschluss beharrten, in Arrest genommen. Die Einbecker schickten daraufhin den Senior des Marienstifts, Justus Bauernfeind mit einer Bittschrift an die Herzöge Christian und Georg nach Osterode.

Die Stadt Einbeck bot wiederholt 20 Prozent der Kosten zu übernehmen und im Rhythmus von zwei Wochen zu zahlen. Herzog Georg verfügte am 20. 10., dass seine Leibkompanie unter Kapitän Bodendorf für einige Zeit in Einbeck stationiert wird, was von den Einbeckern abgelehnt wurde.

Am gleichen Tage kam die Nachricht, dass General Pappenheim von Hameln her auf die Stadt anrückte. Der Stadtrat stand in heller Aufregung und »Der alte und neue Rath nebst den Gildemeistern wurden dieserhalb zu Rathause gefordert, wohin auch der Stadthauptmann v. Schwarzkopf beschieden ward. Man fand für hochnöthig, sich in Bereitschaft zu setzen und namentlich die Festungswerke zu repariren. Die Arbeit wurde sofort begonnen und so unausgesetzt betrieben, dass man selbst am heiligen Weihnachtsfest nicht ruhte. Man versah die Wälle mit den nöthigen Laufhölzern, verwahrte das Oster-, Altendorfer- und Hullerser-Thor besser, als es bisher geschehen war, auch wurden um die Stadt herum alle Gartengebäude, Hecken und Zäune eingeäschert, selbst die Marienkirche vor dem Tiedexerthore demolirt, um dem Feinde jeden Versteck in der Nähe der Stadt zu benehmen.«

Am 25. November kamen die ersten Truppen des kaiserlichen Feldmarschalls Graf von Pappenheim in Rotenkirchen und Erichsburg an, was wie einige Jahre zuvor eine Massenflucht der umliegenden Landbevölkerung auslöste.

Der Einbecker Quartiermeister Franz Bauer erbat in Scharzfeld vergeblich um 200 Mann Fußvolk. Daraufhin stellte Einbeck unter großem Kostenaufwand eine eigene Kompanie auf. Kaum war dies geschehen, sollten zwei Kompanien nach Einbeck verlegt werden.

Am 18.1.1632 kam der Landdrost von Dannenberg nach Einbeck um mit 50 Reitern Quartier zu machen, die Einbecker wollten aber nur 30 aufnehmen.

Eine Woche später erschien Heinrich Wilhelm von Sachsen-Weimar vor der Stadt und begehrte Quartier, wurde aber abgelehnt.

Zwei Tage darauf kamen weitere 50 Reiter unter Oberst Mutzephal, welcher widerwillig in der Stadt aufgenommen wurde, weil sich kaum Quartiere finden ließen.

Am 18.Januar nahm Herzog Wilhelm von Weimar Göttingen im Sturm, Erichsburg ergab sich am 14. Februar, am 18. fiel Duderstadt. Am gleichen Tag fand in Einbeck eine Unterredung zwischen Herzog Georg und dem schwedischem General Banner statt, der daraufhin Richtung Weser zog.

Einbeck schien nun außer Gefahr zu sein und wollte seine Söldner schnellstens wieder loswerden. Der Stadtrat bot sie dem Herzog an, welcher aber ablehnte, und so beschlossen die Einbecker, die Soldaten bis Pfingsten zu behalten.

Anfang März wurde der Landgraf Friedrich von Hessen bei Holzminden von der pappenheimschen Armee geschlagen. Am 12. März floh das Heer des Landgrafen, verfolgt von Pappenheim in Richtung Einbeck. Die Stadt wurde um Aufnahme der hessischen Soldaten gebeten, der Rat lehnte aber zunächst wegen der Gefahr, dadurch zur Zielscheibe für die Armee Pappenheims zu werden, ab.

Daraufhin erschien der Landdrost in der Ratsversammlung zu Einbeck und verhandelte mit den beiden Bürgermeistern Heinrich Koch und Johann Mavors. Der Landdrost riet zu Lebensmittelieferungen und Aufnahme von 200 Mann mit Pferden. Dann reiste er nach Northeim ab »und ließ Bürgermeister und Rath in großer Furcht und Schrecken« zurück. Die gesamte Einbecker Bürgerschaft »außer den Schuhmachern, lehnte die Einquartierung mit Murren und Widersprechen ab.« Schließlich willigte man doch ein.

Als die ersten Hessen in Einbeck anrückten, verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, es seien vier Kompanien. Es entstand eine wüste Schlägerei, so dass »das hessische Militär weiter keine Lust zeigte, in Einbeck zu verweilen und vom Feinde gedrängt, den Marsch schleunigst fortsetzte.« Einbeck war nun ungeschützt, denn die protestantischen Armeen operierten zu weit entfernt.

Am 15.März 1632. gegen 14 Uhr meldete die Wache vor dem Tiedexer Tor die Ankunft von Abgesandten Pappenheims mit einer Nachricht. Die Bürgermeister Koch und Mavors eilten zum Tiedexer Tor und nahmen die Forderungen des Generals entgegen. Pappenheim stand mit seiner Armee vor der Stadt in der Nähe des Klapperturms und verlangte 100 Fass Bier, 60.000 Pfund Brot, 2 Fuder Wein und das Erscheinen von zwei Stadträten zu weiteren Verhandlungen.

Als die Bürgermeister noch mit den Abgesandten Pappenheims vor dem Tiedexer Tor verhandelten und die Forderungen des Generals wegen der ohnehin schon unerträglich grossen Belastungen ablehnte, fielen plötzlich Schüsse vom Wall her auf die Abgesandten.

General Piccolomini belagert die Stadt

Im Jahre 1635 unterzeichneten Kaiser Ferdinand II. und Kurfürst Johann Georg I. den so genannten Prager Frieden, dem die Herzöge August von Celle, sein Bruder Georg und fast alle anderen protestantischen Fürsten beitraten. Damit hörte der 30jährige Krieg zwar formal auf, ein Religionskrieg zu sein, aber da sich nun die deutschen Protestanten mit dem Kaiser und gegen die zuvor verbündeten Schweden zusammengeschlossen hatten, bedeutete dies wieder Gefahr für die Stadt Einbeck.

Die Stadt Einbeck hatte sich gerade mit Herzog August versöhnt und seine Privilegien zurückerhalten, die man der Stadt nach der voreiligen Übergabe an General Pappenheim entzogen hatte, als im Februar 1636 der schwedische General Banner in das Fürstentum Grubenhagen zog und mit Angriff drohte, wenn keine Kontributionen bezahlt würden.

Im März einigte man sich auf eine Zahlung des Fürstentums von 6.000 Talern, wovon 1.950 Taler auf Einbeck entfielen. Allerdings ward Einbeck nur kurze Schonung beschieden, denn bereits im Dezember des gleichen Jahres zog der schwedische General Leslie Richtung Einbeck. Der Stadtrat ließ die Stadtmauer reparieren

Um die Kornlieferungen für das Heer des Herzog Georgs zu erbringen, mussten alle Einbecker Haushalte »auf Eid und Gewissen das in seinem Haus befindliche Korn herbeizuschaffen, gleichviel, ob es ihm oder einer anderen Person gehörte, genau angeben und von jedem Malter ein Gewisses zur Verpflegung der Truppen abliefern.«

Im Januar 1636 marschierte eine kaiserliche Armee an der Stadt vorbei. 2.000 Pfund Brot und etliche Fässer Bier mussten die Einbecker für die 1.500 Soldaten abliefern. »Da die Bäcker keinen Vorrath an Brod hatten, auch in der Eile nichts herbeizuschaffen konnten, so musste es bei den Bürgern gesammelt werden.« Eine weitere Belastung für die Einbecker war die ständig notwendigen Reparaturen an den Befestigungsanlagen. Dafür wurde ihnen seitens des Fürstentums die Zahlung von 800 Talern in Aussicht gestellt. Allerdings machte diese Summe nur einen Bruchteil der gesamten Kosten aus.

Mittlerweile zog sich der Krieg schon fast 20 Jahre dahin und es machte sich eine allgemeine Kriegsmüdigkeit in Deutschland breit, als das katholische Frankreich unter Kardinal Richelieu offen an der Seite Schwedens gegen den Kaiser in den Krieg eingriff.

Im November 1639 schlossen sich Herzog Georg und sein für den verstorbenen August regierender Bruder Friedrich wieder den Schweden an. Einer der Gründe dafür waren die Versuche des kaiserlichen Hofes, das Herzogtum Calenberg an die Erben des General Tilly zu geben.

Im Oktober 1640 versammelten sich die verfeindeten Parteien in Hildesheim zu Verhandlungen. Bei dieser Zusammenkunft wurden die protestantischen Teilnehmer von einem Mitglied der französischen Delegation vergiftet und vier Feldherren, unter ihnen auch Herzog Georg, starben im Zeitraum von wenigen Wochen bis einigen Monaten. Neuer Herzog wurde Georgs Sohn Christian.

Im September 1641 begannen Verhandlungen in Goslar, welche aber keine Einigung brachten. Gleichzeitig operierte eine kaiserliche Armee unter General Octavio Piccolomini im Fürstentum Grubenhagen. Am 6. Oktober stand er mit seiner Armee vor Einbeck und forderte die Übergabe der Stadt.

Da die Einbecker dieser Aufforderung nicht folgten, begann Piccolomini mit der Belagerung der Stadt. Er ließ das Mühlen- und Brunnenwasser abgraben und drei Batterien mit Geschützen auf dem Butterberg westlich der Stadt in Stellung bringen.

In Einbeck waren 344 hessische Musketiere und 166 Pikeniere unter dem Kommando des Obristwachtmeisters Friedrich von Görztgen zur Verteidigung abkommandiert.

Auch die waffenfähigen Einbecker Bürger besetzten ihre Posten auf den Wällen und Festungswerken und bis zum 12. Oktober hatten die Musketiere etwa 100 angreifende feindliche Soldaten getötet

Als Piccolomini sah, dass die Stadt nicht kapitulieren wollte, »warf er …Abends zwischen 8 und 9 Uhr, 44 große Feuerkugeln und Granaten in die Stadt.«

Dieser Angriff hatte verheerende Folgen: 300 Gebäude, davon 200 Wohnhäuser im Bereich von der Häger- Bau-, Benser, Backofenstrasse bis zur Altendorfer Strasse brannten lichterloh. Die Bürger verließen ihre Posten und versuchten zu retten, was noch zu retten war.

Die Stadträte erbaten daraufhin einen dreitägigen Waffenstillstand, erhielten aber vom Oberbefehlshaber Erzherzog Leopold am 13. Oktober ein Schreiben, in dem er die sofortige Übergabe der Stadt forderte: »Als thun wir Euch….für das letzte wohl warnen, wofern nicht alsobald und zwar noch vor Abend« keine Übergabe stattfinden würde, »es auch der Commandant … mit dem Kopfe zu bezahlen haben.«

Dieses Ultimatum als Mittel der psychologischen Kriegsführung sollte für den Stadtkommandanten und noch mehr für die Stadt Einbeck schlimme Folgen haben.

 

Zwei Jahre Besatzung lassen die Stadt verarmen

Im Oktober 1641 wird Einbeck von der kaiserlichen Armee belagert. Die Befehlshaber Erzherzog Leopold und General Octavio Piccolomini setzen dem Stadtrat ein Ultimatum und drohen mit der Enthauptung des Stadtkommandanten, wenn Einbeck nicht noch am gleichen Tage übergeben wird.

Erzherzog Leopold gab der Stadt drei Stunden Bedenkzeit. Einbeck war kurz zuvor beschossen worden und ein großer Teil der südlichen Altstadt brannte lichterloh. Gildemeister Curd Brinkmann schrieb damals im Auftrag aller Gilden in das Gemeinheits-Gildenbuch: »Anno 1641, den 6. Octobris, ist diese Stadt Einbeck von Erzherzog Leopold und Piccolomini gar hart belagert und den 12. Octobris Abends um 7 Uhr aus 3 Feuermörsern Feuerkugeln, jede von 80-90 Pfund hereingeworfen... Insgesammt 206 Wohnhäuser, in gar schneller Eil jämmerlich darnieder in die Asche gesetzt worden.«

Der Rat und die Gildemeister waren in heller Aufregung und beratschlagten hektisch, was zu tun sei. »Schließlich befiehlt der Stadtrath den armen und verwüsteten Ort der Gnade des Erzherzogs.«

Bis zu diesem Zeitpunkt war aber noch kein einziges der Außenwerke Einbeck´s erobert worden und es waren Truppen zur Verstärkung der Besatzung angekündigt. Die Vorhut dieser Truppen war bereits so weit an die Stadt herangekommen, dass sie sich mit Kanonenschüssen bemerkbar machten.

Trotzdem übergab der Stadtkommandant die Stadt Einbeck schon am nächsten Tag.

Offensichtlich hatte das harte Ultimatum, das Feuer in der Stadt und die daraus resultierende allgemeine Verwirrung dem Kommandanten so sehr zugesetzt, dass er den kaiserlichen Forderungen ohne Rücksprache mit seinen Offizieren nachgab.

Die Stadtbefestigung war noch völlig intakt und es war Verstärkung im Anmarsch, als die Stadt 1641 voreilig an Piccolomini übergeben wurde.

Piccolomini brachte unverzüglich eine Besatzung von »1.200 Mann zu Fuß und 400 Mann zu Pferde« in der Stadt.

Weil die Stadtbefestigung noch nicht angegriffen und Entsatz unterwegs war, wurde der Kommandant und seine Offiziere von seinem Landesherrn Landgraf Wilhelm von Hessen in Hildesheim vor ein Kriegsgericht gestellt. Zu ihrer Verteidigung brachten die Offiziere vor, es herrschte Mangel an Munition und an Lebensmitteln für die Soldaten und es wurde schon eine Weile kein Sold mehr gezahlt.

Kommandant Görtzgen legte die Gründe für seine vorzeitige Übergabe schriftlich nieder und verwies zusätzlich auf den Widerstand der Einbecker, die bei der Belagerung ihre Posten verlassen hatten. Der Stadtrat wies die Vorwürfe in einer eigenen Erklärung zurück und berichtete, dass noch während des Einmarsches der kaiserlichen Truppen die Soldaten des Stadtkommandanten, also die eigenen Truppen, die zum Löschen der Häuser abgestellt waren, sich an Plünderungen beteiligten.

Görtzgen wurde zum Tode verurteilt, einige seiner Offiziere degradiert. Am 15. Dezember 1641 wurde Gottfried Friedrich von Görtzgen um neun Uhr morgens auf dem Marktplatz von Hildesheim mit dem Schwert hingerichtet.

Zwei lange Jahre blieb die Besatzung in der Stadt. »Während dieses Zeitraumes erreichte die Noth der Bürgerschaft eine furchtbare Höhe. Es mussten die Truppen nicht allein verpflegt werden, sondern es erhielt auch außerdem jeder Officier täglich einen Dukaten, ein Unterofficier 12 Mgr. [Mariengroschen] und jeder Gemeine 6 Mgr.«

Da der Krieg bereits seit vielen Jahren wütete, waren die Einbecker Reserven so gut wie aufgebraucht.

Im Mai 1642 bat der Einbecker Rat die Stadt Braunschweig um ein Darlehen von 1.000 Talern. Doch auch Braunschweig hatte bisher so stark unter den Kriegshandlungen zu leiden, dass die Stadt selbst schon so stark verschuldet war »und kaum die Zinsen erschwingen könnte.«

Einen weiteren Bericht lieferte der Pastor der Münsterkirche, Johannes Velstenius im Jahre 1643:

»Die Häuser der Münstergemeinde sind zur Hälfte ruinirt und herunter gerissen, und die Bürger, so bis daher ihre Häuser conserviret, sind auf´s Aeußerste ausgezehrt und die meisten in Armuth gerathen...«

Nach dem Friedensschluss zwischen dem Kaiser und dem Hause Braunschweig-Lüneburg zogen die Besatzungstruppen am 18. September 1643, also erst nach fast zwei Jahren, aus der Stadt.

Neuer Stadtkommandant unter der alten Herrschaft wurde Oberstleutnant von Berckefeld.

Die weitere Geschichte der Stadt Einbeck in den Jahren von 1643 bis zum Ende des Krieges 1648 ist nicht genau bekannt. Auf jeden Fall musste die Stadt in dieser Zeit noch verschiedene Einquartierungen hinnehmen und Lebensmittel- und Geldzahlungen leisten.

Der Westfälische Frieden beendete im Jahre 1648 den 30-jährigen Krieg. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde damit wieder hergestellt und die Reichsstände erhielten die volle Landeshoheit.

Der Preis für diesen Frieden war hoch. Insgesamt starben ein Drittel der deutschen Bevölkerung an den Folgen des Krieges, in manchen Regionen sogar mehr als die Hälfte. Grosse Teile Deutschlands waren verwüstet und es sollte noch Jahre dauern, bis das Land wieder zu wirtschaftlicher Blüte kam.

Nach dem Friedensschluß von Osnabrück hatten die Einbecker zwar keine kriegerischen Handlungen mehr zu befürchten, allerdings »stellte die Stadt Einbeck und deren Umgebung eine trauriges Gemälde dar.« Alle Gärten um die Stadt waren verwüstet, »kein Zaun und keine Hecke mehr zu sehen.«