Einbeck im siebenjährigen Krieg

von Wolfgang Kampa

Der 7-jährige Krieg, der in seinem Verlauf auch die Stadt Einbeck schwer in Mitleidenschaft ziehen sollte, hatte seinen Anfang im so genannten »englisch französischen Indianerkrieg«. 1755 kam es in Nordamerika zu Gefechten zwischen den britischen und französischen Kolonialisten, an denen auch verbündete Indianerstämme teilnahmen. Ein Indianerüberfall auf britische Truppen wurde später in der Abenteuergeschichte »der letzte Mohikaner« von J. F. Cooper verarbeitet.

 Mitte des 18. Jahrhunderts befand sich Einbeck in einer Zeit des Aufschwungs. Die 5000-Einwohner-Stadt florierte mit ihren fast 600 Meisterbetrieben und  zwei Dutzend Kaufmannshäusern. Die Baubranche erlebte einen regelrechten Boom: In den Jahrzehnten zuvor wurden in der Stadt fast zweihundert Gebäude neu errichtet, die vorher noch zu den Zerstörungen des 30-jährigen Krieges gehörten. Doch diese Phase des Wohlstandes sollte leider nicht lange anhalten.

Da aufgrund des Konfliktes in der Neuen Welt ein Krieg unausweichlich schien, suchte vor allem England nach Bündnispartnern. 1756 schloss König Friedrich II. mit dem König von England und Kurfürst von Hannover, Georg II. ein Bündnis gegen Kaiserin Maria Theresia von Österreich.

Die Kaiserin verbündete sich ihrerseits mit Ludwig XV. von Frankreich. Als König Friedrich merkte, dass Kriegsvorbereitungen gegen Preußen liefen, entschloss er sich, dem Angriff zuvorzukommen und ließ seine Truppen in Sachsen einmarschieren. Frankreich schickte daraufhin eine 100.000 Mann starke Armee unter Marschall d´ Etrées nach Deutschland. Die französischen Truppen überquerten den Rhein und stießen über Westfalen nach Hannover vor. König Georgs Sohn, der Herzog von Cumberland, stellte den Franzosen ein Heer mit 40.000 Soldaten entgegen.

Die Stadt Einbeck wurde in Verteidigungsbereitschaft gerufen. Am 30. April 1757 wurden die Festungswerke inspiziert und der Befehl erlassen, die schadhaften Stellen auszubessern.

Nach einer kurz zuvor verfassten Beschreibung der Stadt des damaligen Bürgermeisters Johann Friedrich Unger war die Stadtbefestigung » von einer 4 bis 5 Fuß dicken und 20 bis 30 Fuß hohen Mauer mit Rondelen und Türmen, einem Walle, in- und auswendigen Gräben, verschiedenen Außenwerken umgeben, welches zusammen im 14.-17. Jahrhundert von Rat und Bürgerschaft nach und nach auf gemeine Kosten angelegt ist. Auf den Wällen stehen 10 Kanonen, die den Gilden, 2 Mörser, die dem Magistrat gehören. (Dieser hat vor 20 Jahren behuf des kostbaren Kirchturmbaues 18 der Kämmerei gehörenden Kanonen verkauft.)«

An die »Kriegskanzlei in Hannover« wurde der Antrag gestellt, die Bürgerschaft mit »5-6.000 Flinten« zu versorgen. Stadtwachtmeister Johann Gottlieb Raven und sein Adjudant Johann Conrad Münchmeyer ließen die Gewehre der sechs Einbecker Bürger-Kompanien untersuchen und stellten fest, dass davon 275 unbrauchbar waren. Lediglich 223 Gewehre waren noch funktionstüchtig.

»Die 6 Bürger-Compagnien hatten damals folgende Namen und Führer:

  • Compagnie der Hauptwache, Lieutenant Schachts;
  • Compagnie des Tiedexer-Thors, Lieutenant Koven;
  • Compagnie des Hullerser-Thors, Fähnrich Eicke;
  • Compagnie des Benser-Thors, Fähnrich Wedemeyer;
  • Compagnie des Altendorfer-Thor, Lieutenant Wedemeyer;
  • Compagnie des Oster-Thors, Fähnrich Sandermann.«
  • Am 20. Mai befahl Landdrost Borries der Stadt, 20 Wagen mit 160 Malter Hafer als Kriegsbedarf bereit zu stellen. Schon am 19. Juni traf die Nachricht ein, dass das französische Heer bei Höxter und Corvey über die Weser setzen wollte. Unter der Sollingbevölkerung brach daraufhin Panik aus und etliche Einwohner flohen. Die Regierung erließ den Befehl, dass die Untertanen Haus und Hof nicht verlassen dürfen. Daraufhin wurden große Mengen an Wertsachen aus den umliegenden Ortschaften nach Einbeck und Göttingen in Sicherheit gebracht.
  • Am 26. Juni nahmen die Franzosen unter dem Marquis de Bussi den Ort Aerzen bei Hameln ein. Trotz aller Zusagen und Kontributionslieferungen von Seiten des Aerzener Amtmannes Brauns kam es am 5. Juli zu Plünderungen durch die Franzosen. Die Städte Einbeck, Northeim, Göttingen, Münden, Osterode und Clausthal begannen daraufhin, einen Botendienst einzurichten, mit welchem sie sich über die wichtigsten Ereignisse auf dem Laufenden hielten.

    Am 7. und 8. Juli setzte die französische Armee bei Lauenförde und Holzminden über die Weser. Der französische General-Leutnant Marquis d´ Armentiers setzte sich mit 8.000 Mann in Nienover  fest und stellte über einen Kommissionär hohe Forderungen an die Stadt Göttingen, welche diese aber ablehnte. Am 10. Juli nahmen 800 französische Soldaten die Stadt Münden. Die reichen Bürger erkauften sich für sehr viel Geld Schutzbriefe vom französischen Befehlshaber, so zum Beispiel der Landdrost Münchhausen zu Moringen, der für einen solchen Brief mit nur einem Monat Gültigkeit 70 Taler zahlte.

    Göttingen wurde am 18. Juli von den französischen Truppen unter Marquis de Perreusse besetzt, der sofort die Städte Einbeck und Northeim anwies, Deputierte zwecks Verhandlungen an ihn zu senden. Am 20. Juli schlug der französische Oberbefehlshaber Marquis d´ Etrées sein Hauptquartier in Stadtoldendorf auf. Angesichts dieser Situation blieb den Einbeckern nichts anderes übrig, als sofort zwei Mitglieder des Stadtrates dorthin zu entsenden. Sie hatten die Aufgabe, die Kontributionsforderungen der Franzosen entgegen zu nehmen und größeren Schaden von der Stadt Einbeck abzuwenden.

     Nachdem die Franzosen einen Monat später die Weser überschritten hatten, besetzten sie die umliegenden Städte. Die Stadt Einbeck wurde angewiesen, sofort zwei Kommissionäre zu schicken, um die französischen Forderungen entgegen zu nehmen. Doch dabei blieb es nicht, denn bereits einen Tag später marschierte die französische Armee in Einbeck ein. Sofort wurden von den Besatzern verschiedene Befehle erlassen. Die französische Währung wurde in Einbeck eingeführt und die Stadt Einbeck musste 8.000 Taler an den königlich französischen Intendanten Baron de Lucée zahlen.

    Doch noch gab es die Hoffnung, der dauerhaften französischen Besetzung zu entgehen. Nach drei Tagen zogen die Franzosen wieder ab und lieferten sich bei Hastenbeck eine Schlacht mit der Armee des Herzogs von Cumberland. Die Franzosen erlitten große Verluste und deren Befehlshaber Marschall d'Estrées hatte schon den Rückzugsbefehl gegeben, als er erkannte, dass die Gegenseite das Gleiche tat. Der Marschall reagierte sofort. Er griff wieder an und konnte die hannoversche Armee besiegen.

    Cumberland zog sich zurück, wodurch das Land an die Franzosen fiel. Ab jetzt musste Einbeck mehrere Durchmärsche und Einquartierungen über sich ergehen lassen. Am 14. September erging der Befehl, 300 Betten und Unterkunft für 600 Pferde bereitzustellen, damit französische Truppen ihr Winterquartier in Einbeck beziehen konnten.

    Der Herzog von Cumberland wurde durch Herzog Ferdinand von Braunschweig ersetzt, der weite Teile des Landes zurück erobern konnte. Am 27. Februar 1758 musste die feindliche Besatzung die Stadt Einbeck wieder verlassen Herzog Ferdinand wandte sich mit seinem Heer in das französische Gebiet, doch gleichzeitig kehrten 15.000 Franzosen zurück und besetzten die Städte Münden, Göttingen und Northeim.

    Auch Einbeck wurde nicht verschont. Am 11. August drang ein französisches Kommando für drei Tage in die Stadt ein. Einen Monat später wurde die Stadt erneut besetzt und wieder mussten erhebliche Zahlungen an die Franzosen geleistet werden.

    Kurz darauf rückte General von Oberg mit 9.000 Mann Richtung Einbeck an, so dass die Franzosen die Stadt am 28. September verließen. Daraufhin bezog eine Abteilung der eigenen Truppen in der Stadt Quartier, die Einbeck erst wieder im Frühling 1759 Richtung Frankfurt verließ. Dort erlitten die Preußen in der Nähe des Dorfes Bergen eine Niederlage, so dass die Franzosen wieder zurückkamen. Wieder mussten Geldzahlungen und kriegswichtige Lieferungen geleistet werden. Die Belastungen wurden noch größer, als die Franzosen in der Nähe von Hersfeld geschlagen wurden und sich über die Weser bis nach Einbeck zurückzogen.

    Nach einigen Tagen Besatzung wurden im August 1759 das Tiedexer- und Ostertor in Brand gesteckt. Die Franzosen zogen zwar danach ab, allerdings musste die Stadt nun Kriegszahlungen für das eigene Land leisten. Die Belastungen wurden so erdrückend, dass die Einbecker Gilden ihre Kanonen verkaufen mussten. Die 17 Kanonen des Stadtrates waren bereits 1743 verkauft worden, so dass sich ab jetzt auf den Einbecker Wällen keine Geschütze mehr befanden. Durch die fortwährenden Kriegsheimsuchungen war das Brauwesen in der Stadt ins Stocken geraten. Viele Brauberechtigte weigerten sich, »das Reihe- oder Riegebrau zu übernehmen,« da es an den dafür notwendigen Mitteln fehlte. Auch sahen die Bürger zu dieser Zeit keinen Sinn in der Brautätigkeit, da der Absatz der Ware mehr als unsicher anzusehen war.

    Im August 1760 drangen die Franzosen abermals in die Stadt ein. Sie wurden vom Lucknerschen Husarenregiment, dem »Spörckeschen Corps« vertrieben, welches nun seinerseits am 11. August für fünf Tage in der Stadt Quartier nahm. Am 10. September forderten die Franzosen, die zurückgekommen waren und sich in Göttingen festgesetzt hatten, von der Stadt Einbeck 10.000 Rationen Hafer. Da Generalmajor Luckner noch in der Nähe von Einbeck war, verweigerte man die Zahlung, doch drei Monate später kamen Forderungen von der eigenen Seite. Auch diesmal verweigerten die Einbecker die Zahlung, so dass die Truppen sich kurzerhand mit Gewalt beschafften, was sie brauchten.

    Am 27. Januar 1761 waren die Franzosen wieder in der Stadt. Die von ihnen geforderte Geldsumme konnte nicht sofort beschafft werden, so dass man einige angesehene Einbecker Bürger nach Göttingen brachte und dort als Geiseln festhielt. Der französische »Kriegs-Commissär« Gresier de la Grave verlangte vom Fürstentum Grubenhagen die außerordentlich hohe Summe von 50.000 Talern in Gold, wovon die Stadt Einbeck die komplette Summe auslegen sollte.

    Zur Unterstützung der Forderung ließ der französische »Kriegs-Commissär« Gresier de la Grave Geiseln nehmen und in Göttingen festsetzen. Doch das »Geheime Rathskollegium« in Hannover verbot den Einbeckern die Zahlung und erließ »ausdrückliche Ordre,« dem Feind »jede Contribution, sie möge Namen haben, welchen sie wolle, abzuschlagen.« Gleichzeitig rückten hannoversche Truppen unter Generaladjudant von Estorff aus, um der Stadt zu Hilfe zu eilen. Allerdings kamen die Geiseln erst ein Jahr später frei.

    Im August 1761 waren gleich drei Besatzungen hintereinander in der Stadt. Wieder wurden Forderungen gestellt, doch die Stadt konnte weder Geld, noch Naturalien abgeben, da die Kassen leer waren und auf den Feldern noch nicht geerntet worden war. Einbeck diente abwechselnd sowohl den Franzosen, als auch den Reichstruppen als Hauptquartier und am 11.September bezog der französische General Broglie sein Lager auf der Hube.

    Die Ernten auf den Feldern »wurden gänzlich verheert, so daß buchstäblich nicht eine Garbe oder ein Bund in die Stadt kam.« Darüber hinaus forderte Broglie die Summe von umgerechnet 18.000 Talern und ließ bis zur Bezahlung den Stadtrat vier Mal unter Arrest setzen. Darüber hinaus wurden 200.000 Kriegsrationen und 60 vierspännige Wagen verlangt. Den Ämtern Salzderhelden, Erichsburg und Rotenkirchen erging es nicht anders. Allein das Dorf Stöckheim musste 4.000 Taler aufbringen.

    Durch diese Kriegsbelastungen verteuerten sich viele Waren, die Preise für Grundnahrungsmittel stiegen in vorher nie gekannte Höhen. Mehrmals wandte sich die bedrängte Stadt Einbeck an die Landesregierung in Hannover und bat um Hilfe. Ende Oktober schickte Hannover Truppen. Die Hube sollte zurückerobert werden und dazu wurden die Hohlwege »bei Wickensen und Holtersen« besetzt. Am 10. November entschlossen sich die Franzosen zum Rückzug.

    Es »kam das Gerücht auf, der große Preußenkönig [Friedrich II.] komme mit Heeresmacht angerückt.« Obwohl sie bei der Hube noch Schanzgräben aufgeworfen hatten, genügte diese Nachricht, um die Franzosen zum sofortigen Rückzug aus dieser Gegend zu bewegen:

    »Und wenn der große Friedrich kommt und klopft nur auf die Hosen, so läuft die ganze Reichsarmee, Panduren und Franzosen!«

    Doch der Abzug der Franzosen war fürchterlich:

    General Broglie ließ das Oster- und Altendorfer Thor und den davor befindlichen »Bären« (Ravelins) sprengen. Auch der Wasserthurm an der Stadtmauer und ein Teil des so genannten Raven-Zwingers am Wall hinter der Münsterkirche wurden zur Explosion gebracht.«

    Einbeck war ab jetzt eine offene Stadt.

    Zwei Tage später nahmen die Reichstruppen unter Herzog Ferdinand ihr Hauptquartier in der Stadt. Die Franzosen zogen sich in südlicher Richtung an der Leine zurück und versuchten bei Sülbeck noch einmal Fuß zu fassen, wurden aber nach kurzem Gefecht weiter zurück gedrängt.

    Der Stadtrat schrieb in einem Bericht an die königliche Regierung über die Ereignisse des 12. November 1761: »… zween Stadtthore, nebst einem guten Theil der Mauer und einem hohen noch ganz festen sogenannten Wasserthurm an der Mauer bei dem Brauhause nächst der alten Mönchskirche, auch des Walles nach der Ostseite zu, [wurden] in die Luft gesprenget und dadurch ein so entsetzliches Krachen und Erschütterung der Häuser erreget worden, dass wir noch jetzo ohne Grausen an diese fürchterliche Begebenheit nicht gedenken, noch den Gräuel dieser Verwüstung ohne die innigste Betrübnis ansehen können.

    Jedoch hat der sogenannte Raven-Zwinger, ein fest gemauertes Festungswerk im Osterwalle durch die gemachten Minen nicht umgeworfen werfen können, ist außer einer Beschädigung am Gewölbe stehen geblieben…«

    Die militärische Bedrohung war zwar für Einbeck beendet, aber die Schulden waren geblieben. Insgesamt hatte die Stadt Einbeck in fünf Jahren 77.000 Pfund an Kriegszahlungen leisten müssen: »Wir haben keinen Kredit mehr, die öffentlichen Kassen sind leer, die Erwerbsquellen sind versiegt und die Bürgerschaft ist ausgesogen. Es fehlt an Lebensmitteln. Kirchen-, Rats- und Schuldiener haben keine Besoldung. Die Stadt hat noch 26.240 Pfund an die Intendantur in Göttingen zu bezahlen. Es mangelt an Brennholz. Die 6 feindlichen Regimenter, welche auf der Hube ihr Lager hatten, haben das Holz ohne alle Ordnung abgehauen und ein Drittel der Forst verheeret. Es sind keine Pferde mehr in der Stadt. Die Ackerleute haben dieselben aus Noth verkaufen müssen.«

    Die Einbecker Bürger begannen, alte Gebäude nieder zu reißen, um Brennholz zu bekommen. Hannover sandte Hilfslieferungen, allerdings nicht umsonst, sondern »für´s erste zur Borge.«

    Mehr als hundert Jahre lagen Trümmer und Schutt der gesprengten Festungswerke am Stadtrand. Erst unter Bürgermeister Grimsehl wurden die Aufräumungsarbeiten in Angriff genommen. Er ließ die Reste der Wallanlagen abtragen und legte die Bahnhofstraße, die Oststraße und die später nach ihm benannte Grimsehlstraße an.