Der große Stadtbrand von 1540

von Wolfgang Kampa

Ach du arger Heintze, was hastu gethan, Daß du viel fromer menschen, durchs feur hast morden lan. Des wirstu in der Helle leiden grosse pein, Lucibers Geselle mustu ewig sein, Kyrieleison. (Martin Luther)

Am Montag, dem 26. Juli 1540 kommen nachmittags fünf gedungene Mordbrenner durch das Tiedexer Tor in die Stadt. Der Hirte Cord Achtermann aus Hohenbüchen und seine Kumpane Hans Goderdes, Jobst Nillen und die Hagedorn-Brüder haben in ihren Kleidern Brandsätze versteckt, die den Torwachen verborgen bleiben. Auf dem Marktplatz trinken sie einige Biere und schlendern dann unauffällig weiter durch die Stadt. Einige Häuser weiter teilen sich die fünf Männer auf und legen gegen 18 Uhr an verschiedenen Stellen in der Stadt gleichzeitig Feuer.

Die Rauchwolken werden zuerst von den Einbeckern, die auf den umliegenden Feldern arbeiten, entdeckt. Fast gleichzeitig läuten die Feuerglocken. Doch ans Löschen ist jetzt schon nicht mehr zu denken. Überall schlagen die Flammen empor. Die Einbecker versuchen gemeinsam mit den Einwohnern der Dörfer zu retten, was zu retten ist und ihre Habe aus der Stadt zu schaffen, doch bald müssen sie auch das aufgeben und können sich nur noch selbst in Sicherheit bringen.

Wenige Stunden, nachdem der Band gelegt wurde, liegt die gesamte Stadt in Schutt und Asche. Alle Bürgerhäuser, Buden und Scheunen mit ihren Nebengebäuden sind verbrannt. Das Rathaus mit dem im Keller gelagerten Pulver und allen Akten und Dokumenten ist explodiert und verbrennt zu Asche. Nur die steinernen Bauten bleiben stehen: Die Kirchen und der Pulverturm am Sonnenhaken.

In einer Hildesheimer Chronik heißt es, das Feuer überschlug sie von allen Seiten und wurde schließlich so übermächtig, dass die Leute verzagten, so dass alles, was sich in der Stadt befand, ganz und gar verbrannte. Innerhalb von sechs Stunden brannte Einbeck bis auf den Grund ab, »so dass nicht einmal genug Holz übrig blieb, um ein Fischgericht zu bereiten. Da zu dieser Zeit kein Wind blies, sagten viele fromme Leute selbst zu Einbeck, Gottes Zorn sei über sie gekommen…Viele Menschen lagen durch die große Hitze und den vielen Rauch getötet auf den Straßen und den Kirchhöfen.«

In der Chronik des Bürgermeisters von Hannover heißt es aber, »Anno 1540, den 26. Juli…ist die Stadt Einbeck gegen Abend an mehreren Orten durch ihren eigenen Bürger Hennig Dieke der dazu gekauft worden war, angelegt worden und in vier Stunden gar niedergebrannt, wobei viele Menschen starben…Die Kirche St. Alexander blieb mit wenigen Priesterhäusern unversehrt, die gehörten den Vikarien und … Söhnen Herzog Hinrich des Jüngeren zu Braunschweig. Die anderen Kirchen und das Rathaus mit allen Siegeln, Briefen und Registern etc. sind alle verbrannt.«

Der Brand forderte wohl um die 400 Todesopfer. Die obdachlos gewordenen Einbecker kamen bei Freunden und Verwandten in den umliegenden Städten und Dörfern unter oder kampierten in ihren Gärten vor der Stadt. Bereits am Tag nach der Katastrophe trafen die ersten Hilfslieferungen in Form von Brot, Butter, Käse, Speck, Fisch und Bier aus Northeim, Göttingen und Hildesheim ein.

Am 28. Juli wollte der Hirte aus Hohenbüchen sich offensichtlich überzeugen, »eff see ock ör gelt wohl verdeynet« hätten. Er begab sich auf den Neuen Markt, wo er sich betrank und unvorsichtig wurde. Nachdem er verdächtige Reden geschwungen hatte, wurde er verhaftet. Im Verhör beschuldigte er Heinrich Diek, einen Angehörigen eines Einbecker Adelsgeschlechts, er habe ihm Geld gezahlt, damit er die Stadt anzünde. Angeblich soll Diek 14 Tage vor dem Brand gesagt haben, »so ghönde hee woll, dat Eymbeck in den hethen Kohlen stünde…«. Diek wurde verhaftet und gestand schließlich unter der Folter, es stünden etliche tausend Gulden zur Verfügung, um die evangelischen Städte anzuzünden. Anstifter der Brandstiftungen sei unter anderem Herzog Heinrich der Jüngere.

Diek wurde zum Tode verurteilt. Er wurde »Heynrich Teich/ ist auff solch sein bekenntnuß zu Embek/ neben andern darzu erkaufften Dienern gericht worden.« Er wurde »geschleift [und] mit heißen Zangen angefasst«. »Dann band man ihn an einen Pfahl, da er bereits halbtot war und ließ ihn am Rauch ersticken, steckte ihn in einen eisernen Käfig und hing diesen an den Turm.«

Es existieren auch andere Versionen seiner Hinrichtung, nach denen ihm die Augen durchbohrt, Zunge und Nase abgeschnitten und er von Pferden durch die Stadt gezogen wurde. Nach einer anderen wurde er mit Honig bestrichen und starb nach drei Tagen an den Insektenstichen. Die bekannte Geschichte, wonach Diek von einem Verwandten mit einem Gewehrschuss von seinen Leiden erlöst wurde, ist anzuzweifeln, obwohl der Originalkäfig mit dem Durchschussloch (allerdings von oben nach unten) noch heute in der Rathaushalle hängt.

Wo die Hildesheimer Chronik, die von einem Katholiken geschrieben wurde, auf ein Gottesurteil in Form von Blitzschlag hinweist, fällt in der des evangelischen Bürgermeisters der Verweis auf den katholischen Herzog von Braunschweig, den schlimmsten Feind des Protestantismus in Norddeutschland auf.

Einbeck war zu dieser Zeit schon seit elf Jahren protestantisch und seit neun Jahren Mitglied im schmalkaldischen Bund der evangelischen Städte und Fürsten. Ihr Gegenpol war die katholische Liga, dessen Vorsitz für die nördliche Provinz Herzog Heinrich der Jüngere innehatte. Es brannte nicht nur in Einbeck. Auch in Northeim, Bovenden, Göttingen, Kassel und anderen Städten wurde Feuer gelegt und Landgraf Philipp von Hessen bezichtigte den Herzog als Urheber der Brandstiftungen.

Der Brand Einbecks wurde im Streit zwischen katholischem und protestantischem Ritus zu einem Politikum ersten Ranges. Es erhob sich eine landesweite Welle der Entrüstung, in die sich sogar Martin Luther einschaltete. In seiner Streitschrift »Wider Hans Worst« beschuldigte er Herzog Heinrich: »Aber es hilft nicht, Heintz, du schreist vergeblich, … dieses unzählige, unschuldige Blut zu Einbeck und anders wo durch deinen Mordbrand vergossen, schreit gen Himmel so stark, dass es dich samt deinen Gesellen gar bald (so Gott will) in den Abgrund der Hölle schreien soll...«

Gemeinsam mit den Städten des schmalkaldischen Bundes Northeim, Göttingen, Goslar, Hameln, Braunschweig und Hannover nahmen die Einbecker Herzog Heinrich am 21. Oktober 1545 bei Northeim gefangen. Man fand dieses Ereignis so denkwürdig, dass eine Gedenkmünze geprägt wurde. Auf der Vorderseite sind »Philipus, Johanfried und Maurit« abgebildet. Auf der Rückseite steht: »Des 21 Octobris anno 1545ward Hertzog Hannrich v Bruns mit seinem Son Karl I. bei Bockolom durch di kristliche Bunt Oberst Lantgraf Philps van Hessen beisein Hertzog Moritz von Sachsen E mit groser Hereskrafft erlegt gefangen und gen Kassel geführt.«

Zwei Jahre später allerdings wurde der schmalkaldische Bund unterworfen und der Herzog kam wieder frei. 1550 musste der Rat der Stadt Einbeck gegen die Stimmen der Einbecker Gilden in Gandersheim kapitulieren sich mit einer Zahlung von 2000 Talern und einer jährlichen Bierlieferung an Herzog Heinrich aussöhnen. Des weiteren mussten die seit zehn Jahren im Käfig am Diekturm zur Schau gestellten sterblichen Überreste des Heinrich Diek bestattet werden.