Die Christianisierung des heutigen Niedersachsen

von Wolfgang Kampa

Erst Karl dem Großen gelang es, die Sachsen zu unterwerfen und sie zum Christentum zu zwingen. Allerdings dauerte sein Krieg gegen die Sachsen 33 Jahre, in denen beide Seiten immer wieder das Gebiet des Gegners heimsuchten und zerstörten.

Die Irminsul, das Heiligtum der Sachsen wird zerstört

Mit der Eroberung der Eresburg bei Marsberg, bzw. bei Stadtbergen an der Diemel gelang Karl 772 ein entscheidender Schlag gegen die Sachsen. Der Überlieferung nach stand in der Nähe von Eresburg das sächsische Heiligtum, die Irminsul (auch Irmansûl, Yrmensûl, Ermensul), benannt nach dem Helden Irmin (Hermann). Die Säule befand sich möglicherweise auf einem geweihten Hain im Osinggebirge zwischen den Städten Horn, Lippspringe, Dringenberg und Driburg.  Es gibt zur Irminsul die Aufzeichnung des bereits erwähnten Rudolf von Fulda, die gut hundert Jahre nach dem Ereignis niedergeschrieben wurde. Danach sollte diese Säule aus Holz die Weltesche darstellen und den Himmel abstützen. »Einen in die Höhe gerichteten Strunk von nicht geringer Höhe verehrten sie im Freien und nannten ihn in ihrer Sprache Irminsul.«

Nach einer anderen Beschreibung stand das gepanzerte und mit eisernen Ringen umgebene Heiligtum des Irmin auf einer dreieinhalb Meter hohen Säule aus Marmor. Bei Festen wurde die Säule geschmückt und verehrt. Nach der Eroberung ließ Karl das größte Heiligtum der Sachsen zerstören, um den Sieg des Christentums endgültig zu machen.

Karl war mit seinem Heer nur bis zur Weser marschiert und wandte sich jetzt wieder Richtung Alpen, um gegen Desiderius, den letzten Langobarden-König zu ziehen. Daraufhin gelang es den Sachsen zwar, die mit nur wenigen Truppen besetzte Eresburg zurückzuerobern, aber Karl kehrte im Frühjahr 775 zurück und zwang nach und nach die die Sachsen – erst die Ostfalen, dann die Engern (und damit den Teil Sachsens, zu dem später Einbeck gehörte) und schließlich die Westfalen, mit ihm Frieden zu schließen. Den Sachsen war jetzt klar, dass sie gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Franken nicht gewinnen konnten und ließen die ersten Maßnahmen zur Einführung des Christentums über sich geschehen. Im Jahre 776 und 777 wurden große Waldflächen gerodet und darauf zahlreiche Kirchen und Klöster gegründet. Auf einer allgemeinen Reichsversammlung in Paderborn bot Karl den Sachsen durchaus erträgliche Friedensbedingungen an. Ein großer Teil der sächsischen Führer, der gesamte Adel und ein großer Teil der Gemeinfreien unterwarfen sich daraufhin dem fränkischen König und viele Jünger Odins ließen sich taufen. Damit erkannten sie Karl der Großen als ihr Oberhaupt an und gelobten, die Ausbreitung des Christentums nicht zu behindern.

Widukind wird Anführer der Sachsen

Während Albin (Alboin) und Bruno, die großen Anführer der Sachsen, Karl dem Großen die Gefolgschaft schworen, war der dritte sächsische Kriegsführer auf dem Weg über die Elbe nach Dänemark. Wittekind, der später als Kriegsherzog der Sachsen zum Sinnbild des Widerstandes gegen die Franken wurde, floh zu seinem Schwiegervater, dem König Sigurd (Siegfried) von Jütland. Wittekind, oder auch Widukind (übersetzt: das Kind Wotans), der Sohn des westfälischen Häuptlings Warnechin, kehrte bald zurück und sammelte seine noch zum Kampf entschlossenen Stammesgenossen um sich. Er wartete auf einen günstigen Moment, um Sachsen wieder zu befreien. Als Karl mit seinem Heer im fernen Nordspanien kämpfte, brach Widukind mit seinen Leuten auf. Er zog mit seinen Sachsen bis an das rechte Rheinufer (beim heutigen Köln-Deutz) und zerstörte zahlreiche Gotteshäuser. Auf dem Rückweg wurden die Sachsen allerdings von schnell nachrückenden Ostfranken und Alemannen eingeholt und nach längerem Widerstand besiegt.

Karl ändert die gesellschaftliche Ordnung

Karl der Große wandte sich daraufhin mit seiner Armee nach Westen und unterwarf 780 die Ost- und Westfalen. Diesmal waren die Friedensbedingungen von Karl dem Großen ungleich härter: Die Sachsen verloren das Recht auf einen freien Landtag und mussten sich zusätzlich den strengen christlichen Kirchengesetzen der Franken unterordnen Der König beschloss, die seit Jahrhunderten überlieferte Stammesverfassung der Sachsen zu unterlaufen, indem er im Jahre 782 an die Stelle der bisher vom Volk frei gewählten Gaurichter sächsische Edelleute als Grafen einsetzte. Es gab zwar bei den Sachsen schon immer Edelleute oder Adelige, allerdings hatten diese keine besonderen Privilegien gegenüber den Nichtadeligen. Karl dem Großen gelang es auf diese Weise, die Sachsen in eine »Zwei-Klassen-Gesellschaft« zu teilen. Der Adel wurde vom »gemeinen« Volk abgehoben, so dass man ab dem Jahr 782 zwischen Nichtadeligen und Adeligen mit bestimmten, vom König verliehenen Privilegien unterschied. Diese Grafen hatten die Aufgabe, Recht zu sprechen, Abgaben zu erheben und das Volk zu überwachen. Nicht nur die althergebrachten Sitten der Sachsen wurden radikal verändert, die christlichen Priester gingen auch genauso radikal gegen die alten Heiligtümer und Bräuche vor. Die überlieferten Kirchengesetze zeigen dies deutlich: Wer einen Verstorbenen nach den alten Riten verbrannte oder an den Fastentagen Fleisch aß, wurde mit dem Tode bestraft.

Die Sachsen waren jetzt einer doppelten Herrschaft unterworfen: Der eben genannten kirchlichen Herrschaft, zu der unter anderem Frondienste für den Kirchenbau gehörten und der weltlichen Herrschaft in Form des Adels und seiner Gefolgschaft, dem man jetzt den zehnten Teil seines Ertrags zu entrichten hatte.

Letztes Aufbäumen gegen die Franken

Viele der alten germanischen Heiligtümer wurden jetzt zerstört, so dass es erneut zum Aufstand der Sachsen unter Widukind kam. Dabei gelang es ihm, in der Umgebung von Hausberge zwischen Minden und Sünteln ein fränkisches Heer zu vernichten. Widukind hatte sich kurz zuvor wieder einmal nach Jütland zurückgezogen und brachte bei diesem zweiten Aufstand auch das Volk der Friesen dazu, vom Christentum abzufallen:

Karl der Große reagierte auf diesen letzten großen Sachsenaufstand mit großer Grausamkeit. 782 ließ er auf dem Sachsenhain bei Verden angeblich 4500 der aufständischen Sachsen enthaupten, die zuvor von frankentreuen sächsischen Fürsten an ihn ausgeliefert wurden.

Laut der »Einhards-Annalen« flohen die fränkischen Überlebenden der Schlacht am Süntel über das Gebirge in das Lager des fränkischen Grafen Dietrich. Nach dem Karl die Sachsen unterwarf, hielt er Gericht und forderte die Auslieferung von Widukind. Da dieser geflohen war, »ließ Karl von jenen, die auf Widukinds Verhetzung hin ein so ungeheures Verbrechen vollführt hatten, volle 4500 ausliefern und an der Aller, bei einem Ort mit Namen Ferdi, sämtlich an einem Tage enthaupten.«

Es gibt allerdings auch die so genannte »Schreibfehler-Theorie«, nach der die 4500 Sachsen gar nicht enthauptet, sondern lediglich umgesiedelt wurden.

Tatsächlich aber ist der Chronist Einhard für das Jahr 791 nachweisbar in einer Vertrauensposition am Hofe Karls eingesetzt, also acht Jahre nach der Massenhinrichtung auf dem Sachsenhain. Einhard zählte wahrscheinlich zum Beraterkreis des Königs und wird wohl von den Ereignissen bei Verden aus erster Hand erfahren haben. Karl der Große hat in der Folgezeit tatsächlich viele Sachsen umgesiedelt, bzw. Franken in Sachsen angesiedelt, um mit dieser »innere Kolonisation« eine schnelle Ausbreitung des Christentums zu gewährleisten.

Widukind gibt auf

Widukind gelang die Flucht, aber er führte fortan einen eher erfolglosen Guerillakrieg gegen die Franken und musste sich ständig versteckt halten. 785 gab er seinen Widerstand auf und ließ sich in Attigny taufen: »Ec gelôbe in got alamehtîgen fader …« (Ich gelobe in Gott, dem allmächtigen Vater …). Allerdings ist die Taufe nicht in den älteren Annalen überliefert und geschah wohl aus Widukinds Sicht auch nur der Form halber, denn Widukind ließ sich nach seinem Tod nach germanischer Sitte bestatten.

Der Überlieferung nach sollte Widukind in dem Ort begraben werden, der es als erster schaffte, eine Kirche zu bauen. Die Einwohner von Engern bauten ihre Kirche ohne Turm, so dass der legendäre Führer der Sachsen dort begraben worden sein soll.

In den 1970er Jahren entdeckten Archäologen drei uralte Skelette in der Stiftskirche von Enger. 2002 wurde eine DNA-Untersuchung durchgeführt und ergab, dass eines der Skelette jenes eines etwa 60 Jahre alten Mannes sei, dessen genetisches Muster in der Region Westfalen vorkommt. Widukind stammt nachweislich aus Westfalen, ob in Enger aber tatsächlich seine Gebeine liegen, bleibt weiterhin offen.

Auch alle anderen Treueschwüre und Bekehrungen der Sachsen zum christlichen Glauben sind eher so zu sehen, dass sie sich nicht ihrem Wort gegenüber den Franken verpflichtet fühlten, sondern im Geheimen weiter die alten Gottheiten anbetete.

Ab 793 kam es im Norden Sachsens wieder zu Aufständen. Karl der Große reagierte darauf, indem er ca. 10.000 Sachsen nach Gallien deportieren ließ und das freigewordene Land mit Franken besiedelte. In der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts gab es noch eine Gruppe von Sachsen, die sich mit der neuen Ordnung nicht abfinden wollten. Das sagenumwobene »Stillinga-Bund« kämpfte offenbar im Untergrund gegen die Franken, doch ihr Widerstand war spätestens um 842 gebrochen. Ludwig der Deutsche ging hart gegen sie vor und ließ mehr als Hundert Rädelsführer hinrichten und viele weitere verstümmeln. Damit war der Widerstand der Sachsen endgültig gebrochen. Das Frankenreich hatte das Land einverleibt und es begann die endgültige Christianisierung des heutigen Niedersachsens.

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