Das Königreich Hannover

von Wolfgang Kampa

Im März 1595 starb Herzog Wolfgang und ein Jahr darauf sein Bruder Philipp. Beide hatten keine Nachkommen. Mit Herzog Philipp wurde am Dienstag, den 12. April 1596 in der Aegidienkirche zu Osterode der letzte aus dem Geschlecht der Grubenhagen beigesetzt.

»Das Fürstentum Grubenhagen kam durch kaiserlichen Spruch im Jahre 1617 an die Herzöge aus dem mittleren Hause Lüneburg, Cellische Linie.«

Am 16. September 1617 ritt Bischof Christian von Minden »mit 500 Pferden in Einbeck ein, um sich huldigen zu lassen.« Superintendent Johannes Arndt aus dem Gefolge des Bischofs hielt in der Münsterkirche die Huldigungspredigt.

Herzog Christian erließ 1618 die Polizeiordnung für Grubenhagen und Celle, 1619 eine Kirchen-und Klosterordnung und 1630 eine Reformationsordnung für die Einbecker Stifte. 1632 suspendierte der Herzog die Einbecker Privilegien wegen der voreiligen Übergabe der Stadt an den kaiserlichen Grafen Pappenheim.

Nur kurze Zeit regierte Bischof August zu Ratzeburg. Unter ihm kam die Stadt Einbeck am 14. Januar 1636 wieder in den Besitz ihrer Privilegien. Herzog August starb schon am 1. Oktober 1636.

Die Regierung wurde unter seinem 62-jährigen Bruder Friedrich, der zu dieser Zeit »Coadjudator des Stiftes Ratzeburg und Domprobst zu Bremen« war, weitergeführt. Die militärische Führung während des 30-jährigen Krieges oblag aber dem jüngeren Bruder Georg, der seit 1635 das Fürstentum Calenberg regierte.

1648 wurde Georgs ältester Sohn Christian Ludwig Herzog der seit 1635 vereinigten Fürstentümer Grubenhagen und Calenberg.

Nach Christians Tod im Jahre 1665 entspann sich zwischen seinen Brüdern Georg Wilhelm und Johann Friedrich ein Streit um die Nachfolge. Nach der Vermittlung durch verschiedene Fürsten erhielt Georg Wilhelm das Fürstentum Celle und die Grafschaft Diepholz.

Johann Friedrich wurde Herzog der Fürstentümer Grubenhagen, Göttingen und Calenberg.

Herzog Johann war zum katholischen Glauben konvertiert und ließ überall im Land die noch vorhandenen Reliquien sammeln.

Auch die Reliquie des Heiligen Blutes von St. Alexandri musste nach Hannover geschickt werden.

1679 übernahm Ernst August, der Bischof von Osnabrück die Regierung und wurde der erste Kurfürst von Hannover. Im Jahre 1689 ließ er die Regierung von Grubenhagen aufheben und mit Hannover vereinigen:

»Von Gottes Gnaden, Wir Ernst August, Bischof zu Osnabrück, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg….fügen allen und jeden Unterthanen…zu wissen…unsere Osterodische Canzlei der Grubenhägischen Sachen von da wegzunehmen…
So wollen wir allen und jeden unsern Untertanen und Angehörigen unsers Fürstenthums Grubenhagen hiermit in Gnaden befohlen haben, dass alle diejenigen, so einige Rechts-Proceß oder sonsten etwas, so an die alldortige Kanzlei gehört hatte, zu klagen und zu suchen haben, solche hinfüro nicht zu Osterode, sondern vor unsern Vice-kanzler und Räthen allhier gehörig vorbringen und allda ihre Nothdurft nach Anweisung hiesiger Hannoverschen Canzlei-Ordnung, welche auch in denen aus dem Grubenhagischen kommenden Rechtssachen Statt haben soll…«

1698 trat Ernst Augusts Sohn Georg Ludwig (1660-1727) die Regierung an und wurde 1714 unter dem Namen Georg I. König von England. Georg I. ernannte die Einbecker Bürgermeister Unger und Wernher.

Nach dem Tod Georg I. übernahm sein Sohn Georg August als Georg II. die Regierungsgeschäfte. Der 1783 geborene Georg II. regierte als König von Großbritannien und Kurfürst von Hannover von 1727 bis 1769. Er verlebte seine Jugend im Königreich Hannover und verließ es erst nach dem Tode seines Vaters, um in England seine Residenz zu nehmen.

Von Juni bis Oktober 1740 besuchter er seine niedersächsische Heimat. Auf dieser Reise kam er auch über die Hube bei Einbeck. Wegen der damals noch über die Hube verlaufenden Hauptstraße war der Ort in ganz Norddeutschland bekannt.

»Es war am 28. Juni 1740, Nachmittags um 3 Uhr, als der König mit einem großen Gefolge, 10 Wagen und vielen Berittenen, die Hube erreichte. In dem ersten Wagen saßen der Minister v. Münchhausen und der englische Staatssekretär Carteret, dann folgte der königliche Wagen und hinter diesem kam eine Karosse mit mehren höhern Beamten und Militairs. Sieben andere Wagen waren für die Dienerschaft, Küche und Bagage. Die Berittenen gehörten meistens dem kurhannoverschen Militair an.«

Auf der Hube wurde der König vom Einbecker Stadtrat, den »Gildemeistern, den Mitgliedern der verschiedenen Stiftskapitel, den Beamten zu Rotenkirchen und Salzderhelden und vielen Bürgern Einbecks, welche nach damaliger Sitte meistens beritten waren, empfangen.«

Ratsmitglied Borries hielt eine Rede und »drückte im Namen der Stadt die Freude aus, den großmächtigen Herrscher nach langer Trennung wieder in den Mauern Einbecks begrüßen zu können.« Der König antwortete, »dass es seinem Herzen so wohl thue, überall solche Anhänglichkeit zu finden. Verhältnisse gestatteten ihm zwar nicht in dem Lande seiner Ahnen für immer zu residiren, aber auch jenseit des Meeres wäre sein Herz immer bei seinen hannoverschen Unterthanen...«

»Georg II. war damals ein sehr corpulenter Mann von 57 Jahren, weshalb dem Hubewirthe Berkenbusch aufgegeben war, einen Stuhl für den Monarchen zu besorgen. Der König setzte sich und die übrigen Personen des Gefolges, welche nicht beritten waren, lagerten sich auf den Rasen. Zur Erfrischung wurden zunächst einige Flaschen Wein aus dem königlichen Wagen (die Regenten führten ehemals das erforderliche Quantum an Wein und Spirituosen auf Reisen stets mit sich) herbeigeholt, und da durch den Hubewirth dem Mangel an Gläsern abgeholfen wurde und jeder sich, weil der Wein billig schmeckte, herandrängte, auf das Wohl des Landesvaters zu trinken, so musste eine zweite vermehrte Auflage erfolgen; in kurzer Zeit war ein großes Quantum an Flaschen geleert, worüber der Monarch indeß nicht scheel sah, denn er war selbst ein Freund des edlen Rebensaftes und befand sich in einer heitern Stimmung. Nach einem Aufenthalte von einer halben Stunde bestieg der König wieder den Wagen nachdem er dem Hubewirth Hans Heinrich Berkenbusch für seinen Stuhl ein reiches Geschenk von fünf Pistolen übersandt hatte. Gegen fünf Uhr trafen die königlichen Wagen bei dem Schützenhause vor dem Tiedexerthore ein. Hier wurde der Monarch von den vier Stadtgeistlichen... empfangen. Die Thore und sämmtliche Straßen, durch welche der König mit seinem Gefolge fuhr, als: die Tiedexerstraße, Marktstraße und Altendorferstraße, waren bekränzt. Aus allen Fenstern sah man neugierige Köpfe und das Gedränge von den herbeigeströmten Landleuten war in den Straßen so groß, daß selbst die Wagen Mühe hatten, durchzukommen.
Vor der Krone, welche damals nächst dem Kronprinzen das erste Gasthaus der Stadt war und der Familie Henze gehörte, entstand ein unangenehmer Krawall. Weil hier nämlich ein Theil der königlichen Wagen neu bespannt wurde, so schob sich an diesem engen Pfade die wogende Menge von allen Seiten zusammen, und um Luft zu bekommen hieb man zuletzt mit Knitteln ein, wobei ein Knecht auf der Stelle todt blieb und viele Bürger und Bauern mit blutigen Köpfen abzogen.
« Gegen 16.30 Uhr verließ der König die Stadt Richtung Northeim. Viele Einbecker begleiteten ihren König bis hinter Hohnstedt.

Abends fand für die jüngere Generation » auf dem Tiedexer Anger bei dem Schützenhause eine Volksbelustigung statt. Der damalige Schützenwirth Wilhelm Eicke...hatte Zelte aufschlagen lassen, in welchen getanzt und Bier getrunken wurde. « Die älteren Bürger trafen sich im »Kronprinzen« oder in der »Krone«. Zum Andenken an den Aufenthalt des Königs wurde auf der Hube an der Stelle, wo der Stuhl des Königs gestanden hatte, die »Königsbuche« gepflanzt.

Bis zum Jahre 1866 gehörte Einbeck zum Königreich Hannover. Dann wurde es von Preußen besetzt. Die Annexion verlief so schnell, dass Einbeck nicht mehr in Aufmarschgebiet fiel. Nach drei Monaten wurde das kleine Königreich bei Langensalza endgültig besiegt. So endete »die lange Geschichte des Welfenstaates Hannover, jedoch nicht durch einen Friedensschluß, sondern brutal durch das preußische Einverleibungsgesetz vom 20.9.1866 und das folgende Annexionspatent vom 30.10.1866.«

Das vormalige Amt Einbeck wurde zum Kreis Einbeck, aber die kurz zuvor reformierte Städte-Ordnung von 1858 blieb in Kraft. Die Stadt wurde nach wie vor vom Magistrat und dem Bürgervorsteher verwaltet. Der Magistrat regelte die Gemeindeangelegenheiten und war »als Organ der Staatsgewalt die Obrigkeit der Stadt.«