Die Einbecker Landwehr

von Wolfgang Kampa

Im 14. Jahrhundert waren die Menschen nur auf Burgen und in befestigten Städten sicher. Reisen waren zu dieser Zeit ein äußerst gefährliches Unterfangen, denn hinter jeder Straßenbiegung konnten Wegelagerer lauern. Auch die Einbecker Region war da keine Ausnahme.

Viele mittelalterlichen Fürsten litten wegen ihres aufwändigen Lebensstils und ihrer Fehden mit anderen Landesherren oder Städten unter ständiger Finanznot. Oft kam es bei einer Fehde vor, dass feindliche Heere vergeblich eine Burg oder Stadt belagerten, weil diese sich in einem uneinnehmbaren Befestigungszustand befanden.

Mussten die Soldaten nach einer Belagerung unverrichteter Dinge abziehen, kam es vor, dass die umliegenden Höfe und Dörfer angegriffen wurden. Einerseits wurde die Kampfeslust der Landsknechte an den meist wehrlosen Dorfbewohnern gestillt, andererseits konnte durch die Plünderung der Ortschaften noch ein wenig Beute gemacht werden, denn oftmals wurden die Soldaten mit einem Teil der Beute bezahlt.

Diese Plünderungen und Brandschatzungen sind ein Grund, warum einige Dörfer in der Umgebung von Einbeck wüst fielen und nicht wieder aufgebaut wurden.

Schon ab 1300 hatten die Bürger das »Einbecker Feld« um die Stadtmauern herum genutzt.

Die wüst gewordenen Dörfer vergrößerten dann die städtische Gemarkung Einbecks. Unter anderem waren dies das kleine und große Tiedexer Feld im Westen, das Wendfeld Wentfeld (Winenvelde) im Norden, das Altendorfer und Kugenhuser Feld im Osten und das Benser (Bennenhusen) und Reinser Feld im Süden.

Im späten 14.Jahrhundert begannen die Einbecker Bürger zum Schutze ihrer Äcker, Weiden und Gebäude außerhalb der Stadtmauern mit der Errichtung der Einbecker Landwehr.

An den Grenzen der Feldmark wurden mäßig hohe, aber sehr breite Wälle mit dichtem Buschwerk bepflanzt, deren Zweige geknickt und miteinander verflochten wurden. So entstand ein schwer zu durchdringendes Bollwerk. Diese bestand aus breiten Wällen, die mit dichten Hecken bepflanzt waren. Die Zweige wurden geknickt und miteinander verflochten, um ein unbefugtes Durchdringen zu verhindern.

An den wichtigen Straßen wurden danach befestigte Warttürme errichtet.

Die Namen Klapperturm, Pinkler, Reinserturm usw. zeugen noch heute davon.

Die älteste Einbecker Urkunde, in der die Landwehr, bzw. ein Wartmann erwähnt wird, stammt vom Februar 1381. Da aber bekanntlich der allergrößte Teil aller Urkunden beim Brand von 1540 vernichtet wurde, ist davon auszugehen, dass die Landwehr zu diesem Zeitpunkt schon länger existierte.

Die Wartmänner des Klapperturms machten sich bei Gefahr durch lautes Klappern bemerkbar. Sie bedienten dabei eine große Holzklapper, die heute nicht mehr vorhanden ist.

Um 1400 war Einbeck eine »kleine Mittelstadt« mit etwa 2900-3000 Einwohnern. Es gab zehn Gilden, von denen die Kaufgilde den größten Anteil an wehrfähigen Bürgern stellte.

Einbeck exportierte zu dieser Zeit zwar schon Bier und war schon Mitglied der Hanse, die intensive Nutzung der unmittelbar an der Stadtmauer gelegenen Gärten weist sie aber zu dieser Zeit noch als eine Landstadt mit Ackerbürgern aus.

Jeder Einbecker Bürger musste bis zu seinem 60. Lebensjahr Dienst zur Verteidigung der Stadt leisten. Die dazu benötigten Waffen wurden selbst beschafft und instand gehalten, so dass man bei Alarm in kürzester Zeit bewaffnet auf dem Marktplatz erscheinen konnte.

Nachdem 1367 die erste Schusswaffe bei einer Belagerung der Heldenburg verwendet wurde, machte die fortschreitende Entwicklung der Waffentechnik eine umfassende Erweiterung der Einbecker Stadtbefestigung erforderlich.

Um ihre Besitztümer außerhalb der Befestigungsanlagen zu sichern, baute die Stadt Einbeck ab dem 14. Jahrhundert einen zweiten Befestigungsring.

Die Bürger legten im Abstand von drei bis vier Kilometern um die Stadt herum die Einbecker die so genannte Landwehr an, die aus breiten Hecken mit geknickten und verflochtenen Zweigen bestand. Westlich der Hube stehen noch heute geknickte Bäume, die ursprünglich zur Landwehr gehörten.

An den wichtigen Strassen wurden acht Warttürme errichtet.

Um mögliche Angreifer früher zu erkennen, begann man seit 1400 an den Stellen, wo die wichtigen Straßen die Landwehr durchschnitten, Wachtürme zu bauen. Nach und nach entstanden rund um Einbeck acht Warttürme mit jeweils einem dazu gehörigen Gebäude.

Damit die Bürger in der Stadt wussten, aus welcher Richtung Gefahr drohte, übermittelte jeder Turm seinen Alarm mit einem anderen Warnsignal oder -geräusch, zum Beispiel durch »Pinken« mit Eisenstäben (Pinkler) oder durch »Klappern« (Klapperturm).

Auch musste der um 1400 gegrabene Mühlenkanal gesichert werden, welcher für die Versorgung der Einbecker Bürger und der gewerblichen Betriebe und lebensnotwendig war.

Aus diesen Gründen wurde die Einbecker Umgegend im Abstand von sechs bis zehn Kilometer von der Stadtmauer durch die Landwehr gesichert, wobei natürliche Hindernisse wie Fluss- und Bachläufe integriert wurden.

Die Landwehr von Hullersen bis zum Klapperturm.

Der Durchgangsverkehr wurde auf die mit Schlagbäumen gesicherten Wege gelenkt, das Vieh konnte nun nicht mehr nicht entlaufen oder gestohlen werden und die Einbecker konnten gefahrlos ihre Baumaterialien aus den sechs Lehm-, vier Kalkgruben und acht Steinbrüchen entnehmen.

Aus dem Tiedexer Tor führten drei Wege: der »Dasselsche Weg« führte über den Klapperturm nach Holzminden und die Strasse nach Hameln lief über den Bartshäuser Turm nach Bartshausen, Eimen und Vorwohle.

Das »Schwingeprett« zweigte vom Krummen Wasser ab und verlief bis Kuventhal. Mit dem Bartshäuser Turm sicherte die Landwehr das Gebiet zwischen dem Klapperturm und dem Kuventhaler Turm vom »Coenser Leibenau« bis zum »Molenholt«.

In unmittelbarer Nähe des Bartshäuser Turmes lagen das »Holtzssieke«, die »Lewenouwe«, der »Thorencamp« und der »Stieftskamp«.

Mit dem ewigen Landfrieden und der Einrichtung des Reichskammergerichts um 1500 unter Kaiser Maximilian wurden die Fehden und Streitigkeiten der Städte und Fürsten stark eingeschränkt, so dass die innere Sicherheit für die Bürger im Land immer mehr wuchs.

Die Landwehr verlor von nun an immer mehr an Bedeutung, bis sich die Stadt Einbeck ab dem Ende des 17. Jahrhunderts dazu entschloss, die Landwehrtürme mit ihren Wirtschaftsgebäuden künftig als Herbergen zu vermieten.

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