Beginn der Reformation in Einbeck

von Wolfgang Kampa

Mit dem Anschlag der 95 Thesen des Martin Luther in Wittenberg begann am 31.Oktober 1517 die Reformation.

Bereits fünf Jahre später begann man in der Region Einbeck, lutherisch zu predigen. Johannes Ebbrecht, aus Salzwedel stammender Pfarrer von Hullersen, begann als Erster, in seiner Kirche deutsche Psalme zu singen und in seinen Predigten Kritik am Papsttum zu üben.

Seine Gottesdienste erfreuten sich schnell großer Beliebtheit, so dass bald »eine große Menge Volks, Männer und Weiber aus der Stadt nach Hullersen« kamen. Vor allem Handwerker der weniger einflussreichen Gilden besuchten Dornwelles Predigten.

Allerdings war der neue Glauben im streng katholischen Einbeck noch zu neu, als das er uneingeschränkte Zustimmung fand.

In dieser Zeit waren aber auch in der Region Einbeck einige Geistliche, wie es auch Luther kritisierte, zu sehr dem Weltlichen zugetan.

So wurde 1520 der Geistliche Johannes Alruz, »Vizeplebanus in Embig« wegen Ehebruchs mit der Frau des Einbecker Bürgers Schuttenduvel zu 20 Schilling Strafe verurteilt. Auch in der Rechtssprechung wurden die Geistlichen offenbar bevorteilt, denn zur gleichen Zeit musste der Einbecker Bürger Hans Bodicker wegen des gleichen Deliktes 40 Schillinge zahlen.

Von den Hullerser Pfarrleuten standen nur Tile Wolf und Hans Buckhagen an der Seite des Pfarrers.

Kurz darauf erreichten die Domherren der Einbecker Stifte, dass auf Befehl Herzog Erich I. der Prediger Ebbrecht verhaftet und in Hunnesrück eingesperrt wurde. Der Müller Tile Wolf musste seine Mühle verlassen und Hans Buckhagen wurde aus dem Land gewiesen.

Erst zwei Jahre später wurde in Einbeck wieder lutherisch gepredigt.

Der Augustinermönch Johann Dornwelle riss sich auf offener Straße das Mönchsgewand vom Leib und trat es mit Füßen. Er nannte die Mönchskutte eine Erfindung des Teufels und fand schnell viele begeisterte Zuhörer, »so dass der Rath sich genöthigt sah, einen Gerichtsdiener hinzusenden, mit dem Befehle, die Zuhörer in die Hände des Henkers zu überliefern«

Allerdings war die Menschenmenge so groß, dass sogar viele vor der völlig überfüllten Augustinerkirche stehen mussten.

Der Gerichtsdiener sah sich außerstande, seinen Auftrag zu erfüllen. Er kehrte ins Rathaus zurück und erklärte, es sei unmöglich, so viele Menschen mit dem Schwerte hinzurichten.

Aber auch jetzt konnten sich die Domherren von St. Alexandri und Beatae Mariae Virginis durchsetzen und die Mönche zum Schweigen bringen.

»Der Teufel, der dies ausgehende Licht des Evangelii dem armen Volke mißgönnte, trieb und reizte die rasenden Canonicos, dass sie sich diesem Prediger aus allen Kräften widersetzten.«

Doch die Mönche gaben sich auf Dauer nicht geschlagen und riefen 1525 den Augustiner-Prior Gottschalk Kropp aus Herford zu Hilfe. Kropp war früher Prior in Einbeck und war noch in der ganzen Stadt beliebt und bekannt.

Gemeinsam mit Johann Dornwelle, Ernst Burmester, den Brüdern Heinrich und Nicolaus Mey predigte Kropp gegen die katholischen Domherren an. Diese befürchteten, dass durch die »Bekanntmachung der päpstlichen Betrügereien ihrem schändlichen Gewerbe und Krämereien großer Abbruch geschähe« und versuchten gemeinsam mit dem Stadtrat, das Problem mit Gewalt zu lösen.

Bischof Erich von Paderborn brachte dann auch seinen Bruder Herzog Philipp, den Älteren von Grubenhagen dazu, die Mönche aus der Stadt zu jagen. Burmester ging nach Braunschweig und wurde dort Hofprediger, Kropp wurde später Doktor der Theologie in Wittenberg und »amicus Lutheri«, ein Freund Luthers. »Dornwelle hatte keinen bleibenden Aufenthaltsort, sondern begab sich von einem Orte zum andern. «

Doch die neue Lehre hatte schon in Einbeck Fuß gefasst, allen voran die Gilden der Schuhmacher, Schneider, Schmiede und Kürschner.

1528 wurden erstmals Anhänger des lutherischen Glaubens in den Einbecker Stadtrat gewählt.

So wurde im gleichen Jahr seit einigen Jahren in Einbeck weilende Conrad Bolen der erste offizielle lutherische Pfarrer in der Marktkirche angestellt.

Kurz darauf kam auch Gottschalk Kropp wieder zurück, welcher die Neustädter Kirche als Pfarrkirche zugeteilt bekam, bei der er bis zu seinem Tode 1540 blieb. Als Bolen 1529 starb, wurde Johann Winnigstedt neuer Pfarrer der Marktkirche.

Diese stießen Ernennungen auf den erbitterten Widerstand des katholischen Klerus in Einbeck. Immerhin hingen noch die beiden Stifte, die Nonnenklöster, einige Augustiner und natürlich die Adeligen und Patrizier dem alten Glauben an. Sie befürchteten den Verfall der kirchlichen Riten und sahen die Einbecker Stifte und Klöster in ihrer Existenz bedroht.

Im Einbecker Alltag müssen sich turbulente Szenen abgespielt haben. Fast täglich versuchten die verfeindeten Parteien, ihre Gottesdienste gegenseitig zu stören.

Der evangelische Pastor Winnigstedt berichtete, freilich aus protestantischer Sicht, dass die Pastoren beider Konfessionen vielen Aggressionen ausgesetzt waren, die darin gipfelte, dass sie in auf ihrem Nachhauseweg mit Urin übergossen wurden. Predigtstühle und andere Kirchengeräte wurden mit Kot beschmutzt, kirchliche Feiern mit Pfeiffern und Trommlern gestört.

1529 errangen die Protestanten die Mehrheit im Einbecker Rat. Die Stadt stellte daraufhin die Zahlungen ihrer Abgaben und Zinsen an die katholischen Stifte ein.

Am 19. November 1529 gelang es dem Landesherrn, Herzog Philipp, einen Schlichtungsvertrag zwischen den katholisch gebliebenen Stiften und dem Rat nebst Gilden zu schließen. In der Markt-, Neustädter- und Augustinerkirche Kirche sollte fortan evangelisch gepredigt werden.

Die Stifte konnten wieder katholische Gottesdienste abhalten. Die Klöster blieben bestehen, durften aber keine neuen Mitglieder aufnehmen. Dem Rat wurde gestattet, eine neue, evangelische Schule zu gründen.

In der Chronik des Klosters Klus bei Gandersheim berichtet Mönch Bodo, dass die evangelischen Einbecker die Augustinner-Nonnen aufforderten, sich zu verheiraten und das Kloster der Öffentlichkeit zu öffnen.

Als sich die Nonnen weigerten, wurden sie kurzerhand im Kloster eingeschlossen. Als plötzlich der Leichnam einer Nonne über die Klostermauer gereicht wurde, gab es Diskussionen, wo man die Nonne bestatten sollte. Der Forderung, sie im Wald zu bestatten, wurde nicht nachgekommen und sie wurde auf dem zugehörigen Friedhof begraben.

Herzog Phillip der Ältere brachte im Jahre 1537 Klerus und Stiftsherren mit dem Einbecker Rat und den Gilden an einen Tisch und erreichte einen Vergleich:

  • Die bei der Markt- Neustädter Kirche und angestellten Prediger…bleiben...in den genannten Kirchen…
  • Die beiden Collegiat-Stifter behalten freie Macht, die bisherigen Gebräuche nach wie vor in ihren Kirchen auszuüben…Es soll jedoch der bei dem Alexandri-Stifte angestellte Prediger sich eben so im Predigen benehmen, wie die Prediger bei den anderen Kirchen verpflichtet sind…
  • Die Augustiner- und die Marien-Magdalenen-Nonnen sollen ermächtigt sein, in ihren Klöstern zu bleiben und nicht nur ihre Einkünfte fort genießen, sondern auch die gottesdienstlichen Handlungen nach wie vor in ihren Kirchen verrichten…
  • Einem jeden Einwohner, er gehöre zum geistlichen oder weltlichen Stande, soll es unverweigert sein, in die Kirche zu gehen, in welche er will, ohne von der andern Partei darin irgendwie behindert zu werden……
  • Unklar bleibt, was aus den katholischen Pfarrern der Markt- und Neustädter Kirche wurde, denn offiziell waren sie nicht entlassen. Dazu war noch ein großer Teil der Einbecker katholisch geblieben. Unklar bleibt auch, welchen Status das Clarissinen- oder Beginen-Kloster in der Maschenstraße bekam. Allerdings werden sie 1555 vom Stadtrat als »geistliche Jungfrauen« bezeichnet.
  • Im erwähnten Vergleich wurde auch bestimmt, dass auch in der Münsterkirche ein lutherischer Prediger die Kanzel besteigen dürfe. Doch erst im Jahre 1540 kommt Andras Brinkmann, »Prediger von Northusen, den Wy up Anheizung Magistri Johannis Spangenberges und anderer, to Behoff des Predige- und Pfarre-Amts in Unser und Iuer Stifts-Kerken.«

    Allerdings ließ man ihn dort nicht zum Zuge kommen. Die Stiftsherren der Münsterkirche wussten es zu verhindern, dass Brinkmann in ihrer Kirche predigte und erwirkten seine Abreise.

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