Die Einbecker Stadtbefestigung

Die Stadtmauer

von Wolfgang Kampa

Der Bau der Mauer um die Altstadt war um etwa 1200 in vollem Gange. Um diese Zeit etwa entstand vor dem Tiedexer Tor auch das Hospital Beatae Mariae Virginis.

Ausgrabungen ergaben, dass der Befestigungsgraben der Stadt von 1150 bis 1250 unter den Häusern Knochenhauer Straße hindurch lief. Nach seiner Verfüllung um spätestens 1300 wurden die Häuser erbaut.

Um 1260 waren die Bauarbeiten zu der 2,3 km langen Ringmauer abgeschlossen.

Mehr als 21000 Kubikmeter Bruchsteine aus Muschelkalk wurden dafür aus dem nördlich der Stadt gelegenen Hubeberg geschlagen.

Um 1260 war auch die südlich gelegene Neustadt von einer insgesamt 2,3 km langen Ringmauer umgeben.

Diese Mauer markierte den Geltungsbereich eines eigenständigen städtischen Rechts, welches der Stadt von Heinrich Mirabilis (der Wunderliche, bzw. der Bewunderungswürdige) von Braunschweig (1279-1322), Herrscher des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg, zu dem Einbeck gehörte, 1279 verliehen wurde.

Johannes Letzner schrieb in seiner Chronik von 1596:

»Darnach aber/ als diese Stadt Einbeck in ihren rechten Stand komen/ hat man dieselbe mit einer schlechten/ aber doch starcken unnd festen Maur unnd in gewaltigen festen Thürmern ganz vorwartlich umbzogen und befestigt. Auch noch bey Menschen gedencken/ hat man der alten auffgebaueten Festung/ mit ganz tieffen und weiten Wassergraben/ und fast hohen und dicken starcken Wallen verbessert. Damit also die Stadt unnd derselben Einwoner/ für der Feinde anlauff/ unnd durchstreiffende Rott/ desto Fester unnd Sicherer sein mocht…«

Die Stadttore

Nachdem die Alt- und Neustadt um 1300 mit einer Mauer umschlossen war, hatte die Stadt fünf Stadttore, die nach Richtungen oder Orten benannt wurden, zu denen sie hinausliefen.

Im Zuge von Kanalbauarbeiten konnten bei einer archäologischen Untersuchung 1999 ein Knüppelweg aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, der vom Tiedexer Tor nach Westen führte, als älteste Bauphase des Tiedexer Tores rekonstruiert werden.

Anfang des 14. Jahrhunderts stand am Tiedexer Tor ein Zwinger mit zwei parallelen, 80 cm starken Mauern, die vom inneren Tiedexer Tor bis zum Krummen Wasser führten. Der Zwinger schützte die aus Kalkstein gepflasterte Zufahrt zur Stadt und bestand bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts.

Die Dörfer Tiedexen, Bensen, Deinen, Reinsen und das Alte Dorf sind zu Wüstungen geworden.

1813 wurde die noch bestehende Hälfte des letzten Turmes des Tiedexer Tores abgenommen.

Die hohe Schanze vor dem Tiedexer Tor existierte bis 1853. Danach ließen der Magistrat der Stadt und die Bürgervorsteher den Rest der alten Torbefestigung durch die Bewohner des Armenhauses einebnen. Der dadurch entstandene Platz diente als »Turnanstalt«.

Der Stadtplan von Johann Arnold Hallensen aus dem Jahre 1750 zeigt die Altendorfer Straße noch mit Torbefestigung. Zu dieser Zeit war die Altendorfer/Hullerser Straße noch nicht die Einbecker Hauptstraße. Das wurden sie erst 1775 nach dem Bau der neuen königlichen Heerstraße von Hannover nach Göttingen.

Die Türme

Die Stadt Einbeck hatte 28 runde und eckige Mauertürme, die zum Teil nach der Stadt hin offen waren. Im siebenjährigen Krieg wurden einige Türme, das Ostertor und Ravens Zwinger im Bereich der heutigen Pestalozzischule gesprengt. Beim Ausbau der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts mussten weitere Türme weichen.

Heute sind noch acht Turmreste vorhanden, lediglich der Storchenturm hat noch seine volle Höhe.

Der Storchenturm

Der halbrunde, zur Stadt hin offene Turm, hatte früher mehrere Stockwerke mit Fußböden darin, die man über Treppen und Leitern begehen konnte.

In früherer Zeit hatte der Turm den Namen Piccolomini-Turm und Kreienturm (Krähenturm). Wahrscheinlich haben sich hier im Winter Krähenschwärme von Westen der Stadt genähert und sich im Bereich des Turmes niedergelassen.

Im Volksmund wurde später auch der Graben »Krähengraben« genannt.

Später bekam der Turm den Namen Storchenturm, weil jahrelang ein Storchenpaar auf ihm nistete.

Nach einer anderen Quelle hat der Turm seinen Namen nach einer Zeitungsmeldung aus den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, wonach Kinder das Storchennest auf dem Turm mit Steinen beworfen haben.

Das große Fenster des Storchenturmes diente den Wachmannschaften als Toilette. Am Turm sind noch Spuren von der Beschießung der Stadt durch Piccolomini zu erkennen.

Der Totenturm

Aus dem Kreisblatt vom 26.4.1882: »Seit mehreren Tagen sind Maurer damit beschäftigt, den alten Festungsturm bei der sog. Tottmühle abzutragen, und zwar soll dies, wie wir hören, bis auf gleiche Höhe mit den dort angebauten Häusern geschehen. Es erfolgt dies der Sicherheit halber, da dem Thurm teilweise der Verfall drohte.« Der umliegende Bereich der Mauer wurde ab 1870 abgebrochen. Die Totmühle wurde 1897 abgerissen. Neben dem Knochenturm und dem Totenturm befand sich der Friedhof der Stiftskirche St. Alexandri.

Der Knochenturm

Jahrhunderte lang wurde der Turm hinter der Münsterkirche am Feuergraben als Pulverturm genutzt. Um 1890 wurde der schmale Weg, der zum Langen Wall führte, zur Stiftstraße ausgebaut. Dazu wurde die Stadtmauer bis auf diesen Pulverturm eingerissen. Die neue Straße führte zum Teil über den alten Friedhof der Münsterkirche. Die beim Straßenbau gefundenen Knochen wurden im Pulverturm zwischengelagert, so dass der Turm im Volksmund den Namen Knochenturm bekam.

Wasserturm und Brommeturm

Zur Einbecker Stadtbefestigung gehörten neben der Mauer, den Toren und Bollwerken auch etliche Türme. Einer davon war der so genannte »Bromme-«, oder auch »Brumme-Turm«. Er stand am Dreckgraben, dem heutigen Rosental.

Aus einer alten Chronik: »Einbeck wird bereits anno 1239 als Stadt bezeichnet und besaß 1266 zwei Marktplätze, drei große Kirchen im Innern und die Marienkirche vor dem Tiedexer Tor.«

Einbeck war in der Mitte des 13. Jahrhunderts von einer Stadtmauer umgeben, ein Teil dieser Stadtmauer grenzte an den Dreckgraben. Da dieser Graben der Entsorgung von Müll und weiterem Unrat diente, kam es dort auch ständig zur entsprechenden Geruchsentwicklung, so dass man wenigstens einen wohlriechenden Namen haben wollte und die Straße in Rosenthal umbenannte.

1963 wurde der letzte Turmrest des Brommeturms im Rosental beim Ausbau der Raabeschen Werkstätten beseitigt.

Wall und Graben

1367 wurde zur Verteidigung der nahe gelegenen Burg Salzderhelden die erste Schusswaffe (»Blibuchse«) auf deutschem Boden eingesetzt. Dieses zwang die Stadt Einbeck ab etwa 1400, ihre Befestigungsanlagen mit Wall, Graben und Bastionen auszustatten, so dass Mauer und Türme an Bedeutung verloren (ab Mitte des 15. Jahrhunderts wurden vom Rat der Stadt Mauertürme an Bürger vermietet).

Um die Stadtmauer und den Wall führten verschiedene Gräben und lang gestreckte Teiche, die durch unterirdische Gräben miteinander verbunden waren. Im Verteidigungsfall konnte diese verschlossen werden, so dass die Stadtgräben auch dann noch Wasser führten, wenn ein angreifender Feind die Zuflüsse blockierte.

Vom Tiedexer Tor zum Hullerser Tor verliefen der Schustergraben(auch: Schuhmacher-Gilden)  und -Wall, sowie der »Beckergraben« (auch: Becker-Gilden) mit Wall.

Vom Altendorfer Tor zum Ostertor verliefen der »Herrn Graben«, »Leinweber Graben« und »Knochenhauer Graben«. Vom Ostertor bis zur nordöstlichen Bastion (heutige etwa der Bereich der Pestalozzischule am Langen Wall) lief der »Kramer Graben«, bzw. »Kursner Graben«. Von der Bastion zum Tiedexer

Wall und Graben bildeten die zweite Verteidigungslinie um die Ringmauer mit ihrem Graben, die nach 1400 gebaut wurde, um der immer größer werdenden Reichweite der Schusswaffen eine räumliche Distanz entgegenzusetzen.

Der Grundriss der Stadt mit Wall und Graben erhielt sich fast unverändert bis ins 19. Jahrhundert.

Nachdem 1761 von den abrückenden französischen Truppen große Teile der Einbecker Festungswerke gesprengt wurden, trug man um 1810 den Wall von der Münsterkirche bis zum Ostertor ab, um Platz für die größer werdende Stadt zu schaffen.

Seit 1827 existiert der mit Linden bepflanzte Weg vom Ostertor Richtung Gymnasium.

Im November 1827 wird berichtet, »daß die Wälle vom Tidexertore über Nord und Ost nach dem Altendorfer Tor abgetragen sind und daß an ihrer Stelle ein 16 Fuß breiter weg geschaffen und zu beiden Seiten mit Linden bepflanzt worden ist.«

Trümmer der von den Franzosen gesprengten Mauern lagen noch bis in die 50er Jahre des 19. Jahrhunderts am Rande der Altstadt, »bis der Bürgermeister Grimsehl die Aufräumungsarbeiten in Angriff nahm.« Grimsehl ließ die Reste des Walls abtragen und die Bahnhofstraße, Oststraße und die später nach ihm benannte Grimsehlstraße anlegen.

Als um 1870 der Bahnhof und die Bahnhofstraße angelegt wurden, wurde der Wall vom Ostertor bis zum Altendorfer Tor abgetragen. In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden Wall und Mauer im Bereich der Münsterkirche abgetragen, um mit der Stiftstraße eine Verbindung vom Stiftsplatz zum Langen Wall zu schaffen.

Am 1. Juli 1469 einigte sich »der Rat zu Einbeck … sich mit dem Bürger Heinrich Brumm dahin, dass er auf eigene Kosten, jedoch nach Anweisung des Rates ein neues Bollwerk auf dem Dreckgraben zwischen Heinrich Dethards Thurm und dem Wasserthurm mit einem Holzwerk bauen lassen soll …die Stadt liefert nur den Kalk«.

Fast dreißig Jahre später überließ »der Rat zu Einbeck der Margarethe, Witwe des Hans Florcke… auf Lebenszeit den Turm… in der Stadtmauer auf dem Dreckgraben, der dem verstorbenen Brumme verschrieben war für 50 Mark Einbecker Währung. Margarethe soll frei von Manndienst und Schoß sein und darf zu ihrem eigenen Gebrauche brauen…«.

Weitere Aufzeichnungen sind bei den Bränden im Jahre 1540 und 1549 vernichtet worden.

Im 30jährigem Krieg wurde Einbeck zweimal beschossen, doch die Stadtbefestigung blieb weitgehend erhalten. Die Stadt wurde von fremden Truppen eingenommen und die Bevölkerung musste stark unter der einquartierten Besatzung leiden.

Mehr als hundert Jahre gab es keine kriegerischen Auseinandersetzungen, bis im siebenjährigen Krieg die Stadt von französischen Truppen besetzt wurde.

Bei ihrem Abzug am 10. November 1761 sprengten die Franzosen die verschiedenen Stadttore und Wallanlagen mit den anliegenden Häusern. Hierbei fielen auch der Bromme-Turm und der Wasserturm der Zerstörung zum Opfer. Einbeck war von nun an eine offene Stadt.

Das Gelände zwischen dem früheren Altendorfer Tor und der heutigen Grimsehlstraße wurde Gartenland. Mit der Zeit verschlammten Dreckgraben und Leineweber-Gildengraben immer mehr. Nachdem man sie auch nicht mehr als Feuerlöschteich nutzen konnte, wurden sie zugeworfen und eingeebnet.

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